Neues aus Täuschland Teil 4 _ Erster Teil der Abschiedsrede des Hofgaucklers

In dem Land Täuschland, in dem die Königin, die keine Kinder hat, immer weiter herrschen möchte, gab es neben dem ganzen Hofstaat einen ausgewählten Gauckler.

Nun war er aber betagt und wollte nicht mehr der Hofgauckler sein und so hielt er eine Abschiedsrede. Allerdings, wie schon die Rede der Königin, ist auch diese Rede bei gutem Licht zu lesen, dass sich ihr verborgener Sinn erschließe. Also hier und jetzt die eigentliche Gauckler-Rede:

[…] Liebe untertänigen Täuschländer, wir leben in einem Land, das persönliches Glück und Fortkommen für meine Freunde sichert und vielen vorgaukelt, dass es wirkliche Freiheit, Chancengleichheit und sozialen Ausgleich gebe.

Das Recht ist in der Hand der Macht, und wenn es nicht passt, dann muss das Recht geändert werden

— selbst das Täuschland-Grund-Recht. […]

Die Gewerkschaften, einst geschaffen, zu helfen den Menschen, die hart arbeiteten um all die schönen Dinge herzustellen, damit auch diese ein paar Rechte hätten, die aber schon seit langer Zeit mithelfen, dass Ihr fleißigen kleinen Koboldknechte nicht mehr fordert als die von den hofstaatlichen und anverwandten Tischen fallenden Brosamen.

Also ist alles gut!

Die unsoziale Marktwirtschaft kann sich frei entfalten und Kultur und Künste können sich so entfalten, wie meine Freunde und ich das wollen, auch wenn wir manchmal Böhmermänner stoppen müssen, denn es muss ja schon alles geord-net sein.

Ihr lieben Täuschländer in diesem schönen Täuschland, glaubt ja an die freien Schreiberlinge und glaubt ja schön brav, dass das, was die Schreiberlinge Euch erzählen, auch die Wahrheit ist, wie’s immer war, ist und in alle Ewigkeit sein wird.

Laßt Euch sagen, besonders stolz sind die Königin und ich darauf,

• dass ganz viele von Euch lieben Täuschländern, so hart daran arbeiten, all die Dinge zu erledigen, die _wir_ eigentlich tun sollten,

• dass Ihr versucht, den Menschen aus dem Morgenland zu helfen,

• dass Ihr versucht den Menschen Essen zu geben, die nicht genug Dukaten haben, denn das wollen _wir_ ja nicht, dass die mehr Dukaten haben,

• und dass Ihr genauso fleißig die Schulkammern _Eurer_ Kinder anstreicht, denn der Hofstaat muss nun wirklich andere Dinge mit Euren Steuer-Dukaten machen. […]

Und laßt Euch nun erst recht und sicher sagen:

Es ist das beste lobbykratischste Täuschland, das wir jemals hatten.

Aber wenn ich an all die noch kommenden kleinen Untertanen denke, dann wünsche ich mir von ihnen schon den Willen, auch weiterhin alles so zu machen, wie wir es planen, damit dieses Täuschland für mich und meine Freunde lebenswert bleibt — am besten noch ohne einige der Schwierigkeiten, die Ihr _jetzigen_ Untertanen manchmal trotzdem macht oder zukünftig machen _könntet_.

Nun,

nach fast fünf Jahren fühle ich immer mehr, dass diesem lobbykratischen Täuschland Gefahren drohen, jedoch kann ich Euch nicht verraten, welche Gefahren ich damit wirklich meine, aber ich kann Euch, Ihr Untertanen, jetzt schon versprechen, dass Ihr viel zu erleiden haben werdet, _Euer_ Täuschland so zu gestalten, wie die Königin und ihre Freunde und ich es wollen.

Welche Steine können wir Euren Kindern und Kindeskindern in den Weg legen, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen können, dass das Täuschland auch anders sein könnte als machtstrebend, unsozial und die Menschen einengend? […]

Vieles ist für Euch vielleicht anders gelaufen, als Ihr es gedacht hattet, insbesondere damals, vor diesen 25 Jahren, als auf diesem Planeten jenes zu Ende ging, was die Völker den Kalten Krieg nannten — damals, als die große Mauer in der Bärenstadt niedergerissen wurde und viele andere Völker dachten, dass wir hier in Täuschland nun nach Freiheit und Frieden streben wollten.

[…] Damals, in dem Edikt von Paris, haben meine Vor_Vorgauckler und unsere Vor_Könige unterschrieben, dass nun ein “neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit” kommen sollte, aber unsere Nachbarn in den anderen Ländern haben nicht gemerkt, dass wir ja insgeheim immer schon ein bisschen mehr Macht wollten und diesen Staat und andere Staaten so richtig lobbykratisch machen wollten.

Ich bin froh, Euch mitteilen zu können, dass die Lobbykratie heute schon so ein schöner Selbstläufer ist, ja fast naturnotwendig — so haben wir Euch Glauben gemacht.

Liebe Täuschländer, in Europa haben wir durch unsere Politik und unser Diktat schon viel Zweifel schüren können.

Dieses enge Gross_Inselland will uns verlassen und durch unser Zutun und durch unsere Unterstützung haben wir sowohl im Morgenland als auch in dem Kiew-Land abertausende unfroher Menschen und viel Unfrieden.

In dem großen Land über den großen Teich kommt ja nun bald der neue reiche König, und genauso, wie ich Euch hier und heute sage:

“Macht Täuschland wieder stark!”,

sagt auch er es seinen Untertanen, aber er spricht diese andere Sprache, und deshalb glauben viele, dass es etwas anderes ist, wenn er es sagt, und das ist auch gut so.

Liebe Täuschländer, ich will Euch nicht langweilen, so gehet einstweilen da- oder dorthin, während mein Schreiberling all jenes niederschreibt, das ich Euch noch zu sagen habe zu der Frage:

Wie soll es aussehen, unser Täuschland?

_2. Teil_

© Kirsten Grunau (__Endemannverlag__)

Die anderen Episoden aus Täuscherländer sind zu finden in:

Märchenhaftes aus Täuschland

Die “andere Rede” befindet sich hier.

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