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Offenbar läßt sich die Frage stellen: Kann sich eine Gesellschaft Kultur überhaupt noch leisten? Denn andernfalls würde sie ja nicht gestellt werden.

Bedingung dafür, daß „etwas“ überhaupt wahrgenommen wird, ist seine Vermittelbarkeit über Sinnesorgane, daß es also ins „Sinnesspektrum“ einer Spezies fällt. Ist diese Bedingung erfüllt, ist die individuelle „Qualität“ der Sinnesorgane dafür entscheidend, was, wie und ob etwas wahrgenommen wird. Bei uns kommt aber noch hinzu, daß das Wahrgenommene vor dem eigenen Kultur-Horizont und -Hintergrund „interpretiert“, „gefühlt“, „gedacht“ und „ausgedrückt“ wird. Dementsprechend werden die gesammelten eigenen (_?_) „Erfahrungen“ davon mitbeeinflußt. Daß das aber überhaupt möglich ist, hängt mit der Plastizität unseres Wesens zusammen.[_*_] Diese Plastizität bedingt erst Kultur.

Oder anders gesagt:

Da dem Menschen die Instinktsicherung nicht mehr eigen ist, ist Kultur die zweite Natur des Menschen. Deshalb ist eine menschliche Gesellschaft ohne Kultur nicht denkbar. Da kann der Mensch machen was er will. Allerdings gibt die Art und Weise, wie sich diese Unausweichlichkeit in einer Gesellschaft zeigt, Auskunft über die Beschaffenheit dieser Gesellschaft. Denn ist Kultur die zweite Natur des Mensch, drückt sich auch in einer barbarischen Gesellschaft Kultur aus, eben die einer barbarischen Gesellschaft. Wer also die Frage stellt, ob sich eine Gesellschaft Kultur überhaupt noch leisten kann, argumentiert im Sinne einer barbarischen Gesellschaft.

Eine Gesellschaft, in der die Wirtschaft nicht in ihrem Sinne funktioniert, sondern die Gesellschaft zu ihrem Anhängsel wird und deshalb betriebswirtschaftliche Kriterien bestimmend sind, ist übrigens ein besonderes Beispiel für eine barbarische Gesellschaft, da dies bedeutet, daß sie nach dem Prinzip der Ausbeutbarkeit menschlichen Potentials funktioniert. Die in einer solchen Gesellschaft u.U. geltenden „sozialstaatlichen Komponenten“ dienen nicht dazu, das zu verhindern, sondern diese Ausbeutung möglichst lange sicherstellen. Und so kommt es, daß diejenige Person ein geschlechtsunspezifischer „elitärer Vertreter“ einer solchen Gesellschaft sein mag, die wähnte, „Kultur“ sei ein abgetrennter Bereich einer Gesellschaft, der nicht für „jedermann“ zugänglich wäre, sondern nur für „Kulturbeflissene“, und in dem Gestalten wandelten, die als Künstler bezeichnet werden.

Demnach läßt sich zwar die Frage stellen, ob wir uns Kultur noch leisten können. Aber damit ist sie nicht richtig gestellt. Denn die Frage lautet: nach welchen kulturellen Regeln wollen wir gesellschaftlich leben? Wird _diese_ Frage richtig beantwortet, gibt es nicht nur geschlechtsunspezifisch Kultur_Webende, sondern — wegen des Kultur_Webens — auch ein weit verbreitetes künstlerisches Verständnis in der Gesellschaft. Wen kann es überraschen, daß solche gesellschaftliche Ent_Wick(_e_)lung _dann_ nicht von Bildung zu trennen ist, meint diese charakterliche Aus_Bildung und nicht lediglich das „selektive ‘Fördern’“ von menschlichem Potential, das sich

bei gleichzeitiger Blockierung
des vollen menschlichen Potentials

besonders gut für den Profit_Verwertungsprozeß eignet?


© Joachim Endemann (_EndemannVerlag_)


Sie erlauben Werbung für meine Bücher?
Immerhin habe ich mich darin beizeiten mit jenen
Tendenzen und Strömungen auseinandergesetzt,
die an der Basis dessen wirken, das jetzt offen zutage tritt.



_* Zu unserer anlagemäßigen Plastizität siehe in: Die tri_logische Sezierung […], Band I, Teilband 4, die Seiten 139-47, beginnend mit: „das Wesen des einzelnen Menschen ist […] plastisch …“.

Die menschengeschlechtliche Gesellschaft und ihr falsch kanalisiertes Entwicklungspotential. _ Teil III: Über die Ursachen der nicht zwangsläufigen Ausbildung klassenbedingter Herrschaft.

In den beiden vorherigen Teilen dieser Serie von „der menschengeschlechtlichen Gesellschaft und ihrem falsch kanalisierten Entwicklungspotential“ wurde festgestellt, daß die verschiedenen Umweltbedingungen, an die sich die Menschen anpassen müssen, und die Art und Weise, wie sich der Stoff-Wechsel einer bestimmten menschlichen Gesellschaft mit der Natur in einer gegebenen geologischen Periode der Erdentwicklung vollzieht, ihren Niederschlag in ihrer (dementsprechenden) Kultur findet.

Die menschengeschlechtliche Gesellschaft und ihr falsch kanalisiertes Entwicklungspotential. _ Teil III: Über die Ursachen der nicht zwangsläufigen Ausbildung klassenbedingter Herrschaft. weiterlesen