WIR LASSEN UNS NICHT TÄUSCHEN. AUFRUF VON KÜNSTLERN UND KULTURSCHAFFENDEN.

WIR LASSEN UNS NICHT TÄUSCHEN.

Collectif Yellow Submarine

(__Quelle.__)

AUFRUF VON KÜNSTLERN UND KULTURSCHAFFENDEN.

Seit Monaten ist die Gilets-Jaunes-Bewegung auf den Straßen unseres Landes, das ist in der Geschichte der Fünften Republik beispiellos.

Dies eine aus eigener Kraft entstandene, keiner politischen Partei angehörende Bürgerbewegung.

Eine Bürgerbewegung, die seit mehr als 6 Monaten jeden Samstag Zehntausende Franzosen auf die Beine bringt und von Millionen unterstützt wird.

Eine Bewegung, die wesentliche Dinge verlangt: mehr direkte Demokratie, mehr soziale und steuerliche Gerechtigkeit, grundlegende Maßnahmen hinsichtlich des Zustandes der Umwelt.

Was sie verlangen, verlangen sie für uns alle. Die Gilets Jaunes, das sind wir. Wir Künstler, Techniker, Schaffenden in allen kulturellen Berufen, ob selbst in prekärer Lage oder nicht, sind von dieser historischen Bewegung zutiefst berührt.

Und wir erklären hier: Wir lassen uns nicht täuschen.

Wir beobachten die maßlosen Winkelzüge zur Diskreditierung der Gilets Jaunes, die als Umweltfeinde, Extremisten, Rassisten, Randalierer bezeichnet werden … Das Spiel funktioniert nicht, diese Story paßt nicht zur Realität, auch wenn die Mainstream-Medien und Regierungssprecher möchten, daß wir es glauben.

Wie die Gewalttaten, die sie jeden Samstag zeigen.

Doch die erschütterndste Gewalttätigkeit findet sich nicht dort.

Die Auswirkungen der repressiven Maßnahmen werden von Woche zu Woche schlimmer. Am 19. April 2019 gab es unter den Demonstranten einen Toten, 248 erlitten Kopfverletzungen, 23 verloren ein Auge, fünfen wurde eine Hand abgerissen. Das ist für unsere Republik absolut empörend.

Und wir sind nicht die Ersten, die diese [__Repression__] verurteilen: Amnesty International, die Liga für Menschenrechte, die UNO, die Europäische Union, der Défenseur des Droits

[__laut Artikel 71 Absatz 1 der französischen Verfassung obliegt dem „Anwalt der Menschenrechte“ die Einhaltung dieser Rechte:. Anm.d.Üb.__],

alle verurteilen die gegen die Gilets Jaunes gerichtete Polizeigewalt in Frankreich.


[__Das Beklagen von seiten der EU ist heuchlerisch, immerhin setzt das Macron-Regime EU-Politik um. Deshalb wäre es auch die Spitze der Heuchelei, würde von Berlin aus die Einhaltung der Menschenrechte in Frankreich angemahnt, denn die EU-Politik folgt der deutschen Vorgabe. Und wer glaubt, daß sich das, was sich in Frankreich zur Zeit ereignet, in Deutschland nicht ereignen könnte, wäre wohl noch zu überraschen. Obwohl, in der Tat, zu erwarten ist das ja deshalb nicht, da hier keiner Grund haben könnte, es den Gilets Jaunes gleichzutun, oder? Anm.d.Üb.__]


Die Zahl der Verletzungen, zerbrochenen Lebens, Verhaftungen und strafrechtlichen Verurteilungen ist unvorstellbar. Wie kann man angesichts einer solchen Unterdrückung noch von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch machen? Es gibt keine Rechtfertigung für die Schaffung von Maßnahmen, die gegen unsere Grundfreiheiten verstoßen und als „Anti-Randalierer-Gesetz“ bezeichnet werden.

Man kann uns nicht täuschen. Am bedrohlichsten ist die wirtschaftliche und soziale Gewalt. Sie ist diejenige dieser Regierung, die die Interessen einiger weniger zum Nachteil aller verteidigt. Es ist diese Gewalt, die die Körper und Köpfe derjenigen prägt, die bei der Arbeit ums Überleben kämpfen.

Dann müssen wir uns — das ist eine historische Dringlichkeit — gemeinsam der ökologischen Herausforderung stellen und gerechte und wirkungsvolle Lösungen finden, um unseren Kindern eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Wir lassen uns nicht täuschen. Diese Regierung ist vor dieser Frage stets zurückgewichen, um die Verantwortlichen für die angekündigte Katastrophe nicht zu erschrecken. Wie die Umweltaktivisten, verurteilen das die Gilets Jaunes. Die Verschmelzung von sozialen und ökologischen Kämpfen ist bereits in vollem Gange.

Wir werden uns weiterhin empören, stärker, öfter und gemeinsam.

Und heute rufen wir dazu auf, eine neue Geschichte zu schreiben.

Wir Schriftsteller, Musiker, Regisseure, Verleger, Bildhauer, Fotografen, Ton- und Bildtechniker, Drehbuchautoren, Choreographen, Zeichner, Maler, Zirkuskünstler, Schauspieler, Produzenten, Tänzer, Kulturschöpfer aller Art, sind empört über die Unterdrückung, Manipulation und Verantwortungslosigkeit dieser Regierung in einer so kritischen Zeit in unserer Geschichte.

Nutzen wir unsere Kraft — die der Worte, der Sprache, der Musik, des Bildes, des Denkens, der Kunst —, mit dem Ziel, eine neue Erzählung zu erdenken und diejenigen zu stärken, die seit Monaten auf den Straßen kämpfen.

Nichts steht geschrieben. Laßt uns eine bessere Welt erschaffen.

A dream you dream alone is only a dream.
A dream you dream together is reality.

[__Ein Traum, von dem nur du träumst,
ist bloß ein Traum.

Ein Traum, den wir zusammen träumen,
wird wahr.__]

John Lennon

Collectif Yellow Submarine

(__Originaltext.__)

Aus dem Französischen ins Deutsche übertragen von Joachim Endemann.
(__EndemannVerlag__)