Wer bringt heute die große Anklage auf die Bühne? 

[…]
Mein Eindruck ist, daß Sie, Herr Nietzsche, meinen, Sie seien dazu berufen, etwas wiederzubeleben, was für Sie der Sinn der griechischen Tragödie ist. Hierbei gehen Sie von Annahmen aus, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre phantasierten „Grundlagen“ finden. Wohlgemerkt, es sind  phantasierte „Grundlagen“. […]

Dabei wäre es gerade heute wichtig, daß das politische Theater wiederbelebt würde — nicht im programmatischen Sinne von Politik, sondern im ideellen. Denn es ist eine große Anklage zu führen. Gegen wen? Gegen die Intellektuellen, die all jenes beklagen, das sie selbst erst ermöglichen, wenn nicht gar verursachen, gestern wie heute. Man denke an den seit mehr als 520 Jahren geführten Krieg gegen die Welt, der zuerst von den europäischen Imperien, dann von dem US-amerikanischen bis auf den heutigen Tag — und ein Ende ist nicht abzusehen — geführt wird.[1]
Aber „keine Sorge“, die machtelitären Kreise dieser „waffengeschwisterlichen Union“ drängeln sich heute wieder „zielstrebig“ nach vorn. Und abgesehen davon: setzt sich die US-amerikanische Administration etwa nicht primär aus Nachfahren der alten europäischen Imperien zusammen? [_→_]
Und so wäre es gut, wenn das Politische an der griechischen Tragödie wiederbelebt würde, denn ohne das Politische keine griechische Tragödie: Es waren die griechischen Dramatiker, und, soweit das heute gesagt werden kann, angefangen mit dem Aischylos vorausgehenden Phrynichos, die, da sie sich als Vertreter der griechischen Stadtgemeinde, der Polis, verstanden, sowohl diese in ihrer aktuellen Entwicklung kritisierten als auch die auf sie einwirkende Politik, wobei es ja diese Politik in ihrer praktischen Auswirkung war, die die zeitgenössische Entwicklung der Polis bewirkte …
[…] Man sagt: ‘[_Das griechische_] Theater war die Polis’ […]. Das stimmt. Aber nur, wenn sofort hinzugefügt wird: Politisches Theater ist kritisches Theater. Polis und Politik sind nicht identisch. Gerade weil sich das Theater im Einverständnis mit der Polis, wie sie sein sollte, und sich zur Sprecherin dieser Polis machte, sah es sich genötigt, die Politik zu kritisieren, die in dieser Polis und mit dieser Polis gemacht wurde. […]
Quelle: [2]
[…] Die Weltgeschichte des Theaters setzt ein mit politischem Theater. Der älteste Text, den wir so besitzen, wie er gespielt worden ist und wie er heute noch gespielt wird, ist ein Zeitstück, dessen Held [_…_] noch lebte, als 472 im Dionysostheater am Hang der Akropolis von Athen [_Aischylos’ „Die Perser“ uraufgeführt wurde_] — das war acht Jahre nach der Schlacht bei Salamis […]. Warum hat Aischylos acht Jahre danach dieses Stück geschrieben, das unmittelbar nach der Schlacht spielt? Zur Verherrlichung des […] Sieges? Keineswegs. Im Gegenteil. Es ist ein Stück gegen den Krieg, gegen Kriege. Klage und Anklage. […] Aischylos hat sein Antikriegsstück nicht in so allgemeiner Absicht geschrieben, wie sich das anhört. Er hatte konkrete und aktuelle Gründe, es zu schreiben. Klage und Anklage richteten sich gegen die Sieger, gegen die Politik seines Landes, das im Begriff war, sich dem gleichen Imperialismus in die Arme zu werfen, der die Perser in die Vernichtung getrieben hatte. Nur deshalb ist das Stück politisches Theater. Politisches Theater ist kritisches Theater. […]
Quelle: [3]

Man sieht, das griechische Theater hatte von Anfang an politischen Charakter. Hatte es aber von Anfang an politischen Charakter, kann nicht so argumentiert werden, wie Sie es tun, Herr Nietzsche. Damit wird keineswegs geleugnet, daß das griechische Theater nicht-politische Elemente in sich hatte, die es schon vorher gegeben hat und erst zur Tragödie hinführen konnten, aber diese Tragödie selbst nicht sind. Denn wenn es richtig ist, daß die griechische Tragödie eine zusammengesetzte Kunstart ist, können diese Elemente nicht die Tragödie ausgemacht haben, sondern, wie gesagt, „nur“ einen Teil davon.

Die „Tragödie“ ist niemals „mono-elementar“ gewesen, denn sie ist geradezu als klassisches Beispiel für eine „zusammengesetzte Kunst“ anzusehen. Gewiß, das Drama, die Tragödie, hat als Urelement den Chor, der im Drama, in der Tragödie, sozusagen als „domestizierte Gefolgschaft des Dionysos“ zu verstehen ist. Aber mit dem „Auftreten“ des Chores ist noch nicht das Drama, die Tragödie geschaffen. Die griechische Tragödie ist, u.a., Wechselspiel von Gesprochenem und Gesungenem, und, da von der griechischen Demokratie nicht zu trennen, als Ausdruck der Polis zu verstehen, in der das Politische — das ihr als Problem entgegentritt — behandelt wird. … Und das so elementare Element der Musik? Ist, wenn die Tragödienaufführung kathartisch wirkte, psychagogisch.[4]
Das bedeutet, Ihre „Geburt der Tragödie“, Herr Nietzsche, ist eine Interpretation, deren Basis vor allem Ihre eigene — allerdings nicht allein ihre — Phantasie ist. Damit ist ebenso nicht gesagt, daß ich Ihre Gedankengänge für nicht bedenkenswert halten würde. Sie wären aber durchweg „haltig“, ließen Sie jene Elemente weg, um die Sie gar nicht wissen können: also jenes, das mit „Arischem“ assoziiert wird, oder mit „deutschem Geist“, denn vom wem haben Sie diese „Kenntnisse“?
Ein erster Eindruck, von wem diese Kenntnisse läßt sich hier gewinnen: «Geisteswissenschaftliche Gespenster» (_Weiter ausgeführt  findet sich das hier[5]_)

Nun, tatsächlich gut wäre es, wenn das Politische
an der griechischen Tragödie wiederbelebt würde.


Wer bringt heute die große Anklage auf die Bühne?

Offenbar niemand, denn wer sollte das tun, wenn schon auf die simple Feststellung, daß das SARS-CoV-2 wesentliche Punkte des Profitsystems aufdecke,
selbstverständlich nicht
dieses Virus selbst,
wenn auch jetzt schon nicht mehr so deutlich,
da das diese wesentlichen Punkte Verkleistern bereits wieder im Gange ist,
nämlich das:
  1. der Umgang mit dieser Pandemie das dem Profitsystem innewohnende Barbarische zeigt;

  2. das Profitsystem ungeeignet ist, um eine gesamtgesellschaftlich konstruktive Entwicklung zu ermöglichen;

  3. das Profitsystem ein elementares Problem für eine prosperierende Entwicklung des Menschengeschlechts als Ganzes darstellt;

sich also aus diesen Punkten ergibt, daß das Profitsystem als globale Bedrohung aufzufassen ist …,

man ohne weiteres so schnell wie aufgesetzt abgeklärt auf diese gerade zitierte simple Feststellung die Antwort bekommt, daß dies eine Erkenntnis aus dem 19. Jahrhundert sei; es hingegen erschreckend wäre, daß sich Menschen das noch immer gefallen ließen. …

Worauf

und ohne daß Blick und Fingerzeig
neu zu justieren nötig wären

zurückzubemerken bleibt:

… Nun ja, eine „Erkenntnis aus dem 19. Jahrhundert“ muß im 21. Jahrhundert nicht ihre Gültigkeit verloren haben. Hingegen kann sie offenbar leicht vergessen werden. Im übrigen ist diese Erkenntnis schon weit älter. Immerhin hatte es deshalb bereits im Alten Ägypten entsprechende Bewegungen gegeben, und die waren sogar erfolgreich. … Wenn nicht gar noch frühere …

Daß „sich Menschen das noch immer gefallen lassen” hängt allerdings primär mit dem „Verkleistern“ dieses Fakts durch jene zusammen, die ich prostituierte Intellektuelle nenne, weniger mit dem Nicht-verstehen-wollen der normalen Menschen. Amélie Nothomb hat das vor einiger Zeit auf den Punkt gebracht:

«Die Intellektuellen sind zu einem sehr großen Teil für jenes verantwortlich, welches sie anklagen».

(_Quelle dieses Nothombschen Zitats: Amélie Nothomb in: Michel Robert, La Bouche des carpes, Amélie Nothomb, entretiens avec Michel Robert, éditions l’Archipel, Paris, 2018, die Seite 89._)

Entsprechend hat das Thema das kollektive Versagen der westlichen Intellektuellen zu sein. Dauerhaft!

Das bedeutet, daß, bevor ich mit dem Finger auf das Verhalten der normalen Leute zeigen darf, ich Blick und Finger auf die gerichtet halten muß, die bestimmen, daß der Masse der Menschen nichts anderes übrigbleibt, als sich entsprechend den von diesen gesetzten Vorgaben zu verhalten, da es nun einmal die Gesetze, Verordnungen und Verträge à la TTIP sind, die von den einen Intellektuellen ausformuliert, und von Politikern dann um_gesetzt werden, und von anderen Intellektuellen den normalen Menschen als „nur so geht’s“er_klärt“ werden.

Ist damit ausreichend ge_klärt, wieso die Frage:

„Wer bringt heute die große Anklage auf die Bühne?“

ohne Antwort bleiben muß?

[…]



© Joachim Endemann (_EndemannVerlag_)


_1 Siehe in: «Sie fragen noch, wie die ›Verhältnisse‹ liegen?», Aspekt 28: — Über was reden wir? — Es gibt einen schon seit 520 Jahren währenden Weltkrieg.
_2 Siehe Siegfried Melchinger, Geschichte des politischen Theaters, Band 1, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1974, die Seite 34.
_3 Siehe a.a.O., die Seiten 24 f.
_4 Vgl. diesbezüglich auch: derselbe, Das Theater der Tragödie: Aischylos, Sophokles, Euripides auf der Bühne ihrer Zeit, dtv, München, Juni 1990, die Seite 9 und dazu die Seite 250, dort die Endnote 24. Zur „psychagogia“ siehe die Seite 219. Zur Entwicklung dieses Begriffes siehe auch John Joseph Jasso, Psychagogia: a Study in the Platonic Tradition of Rhetoric from Antiquity through the Middle Ages, University of Pittsburgh, 2014, dort die Seiten 118-24, beginnend mit: „The term psychagogia“.
_5 Siehe dazu bspw. in: Ist der Monotheismus von seiner Anlage her ein elementarer Faktor der Gewalt?, das Kapitel 7, dort ab der Seite 436, beginnend mit: „Vedânta bedeutet: ‘den Veden angehängte Schriften’“, sowie die Seiten 641-49, beginnend mit: „Eine kleine, die Begriffe ‘deutsch’, ‘Deutschtum’ und ‘Deutschsein’ betreffende Exkursion“.