Wechselwirkung zwischen Ideologie und wirtschaftlichem Prozeß

Das von mir aktuell geschriebene Buch verlangt mitunter, daß ich alte eigene Texte durchstöbere, da ich weiß, daß ich dazu schon etwas Ausgedrücktes liegen haben muß. Dabei kann es sein, daß ich auch auf Texte von Autoren stoße, deren Aussagen zwar nichts direkt mit dem zu tun haben müssen, was ich gerade schreibe, aber es scheint dann eine gewisse Erinnerungsspur auf, da sie mir mit ihren Aussagen Erhellendes im Laufe meiner eigenen Entwicklung zu sagen hatten — und überhaupt bedeutsam sind, da diese fürs Verständnis von _uns_ Menschen selbst Erhellendes beitragen (__so bleibend frisch ist ihr Wissen niedergeschrieben__). Und so bin ich beim heutigen Stöbern, sozusagen in einer Schreibpause, auf eine Passage von Wilhelm Reich gestoßen, die ich mir in den Siebziger Jahren aus seiner 1933 erschienenen „Charakteranalyse“ herausgeschrieben hatte, da in ihr klar zur Aufdeckung kommt, wovon die Ausbildung des eigenen Charakters prägend beeinflußt wird.

Die Ideologien einer Gesellschaft können zu einer materiellen Gewalt nur unter der Bedingung werden, daß sie die Charakterstrukturen der Menschen tatsächlich verändern. Die charakterliche Strukturforschung hat somit nicht nur klinisches Interesse. Sie kann uns Wesentliches geben, wenn wir an die Frage herantreten, warum sich die Ideologien so viel langsamer umwälzen als die sozialökonomische Basis, das heißt, warum gewöhnlich der Mensch hinter dem, was er schafft und ihn eigentlich mitverändern sollte und könnte, so leicht und so oft weit zurückbleibt. Zur klassenmäßigen Behinderung der Teilnahme am kulturellen Genuß kommt hinzu: Die charakterlichen Strukturen werden in früher Kindheit erworben und erhalten sich, ohne viel Veränderung zu erfahren. Die sozialökonomische Situation aber, die ihr seinerzeit zugrunde lag, verändert sich rasch mit dem Fortschritt der Entwicklung der Produktivkräfte, stellt später andere Anforderungen, macht andere Arten von Anpassung notwendig. Sie schafft gewiß auch neue Haltungen und Reaktionsweisen, die die alte, früher erworbene Eigenart überlagern und durchsetzen, ohne sie aber auszuschalten. […]

[__Denn:__]

Die charakterliche Struktur ist erstarrter soziologischer Prozeß einer bestimmten Epoche. […]

Charakteranalyse, 1933, Seite 16.

[__Das heißt wir__]

leugnen nicht, daß Reaktionsweisen hereditär angelegt sind. Hat doch schon das Neugeborene seinen „Charakter“. Aber wir meinen, daß den ausschlaggebenden Einfluß das Milieu hat.


[__Anmerkung:
Der Einfluß gesellschaftlicher und natürlicher Umweltbedingungen
beginnt bereits im Uterus auf völlig unbewußte Weise,
woraus eine „charakterliche
Vor_Bahnung“,
bzw. eine „
Vor_Verwebung“
mit der gesellschaftlichen
wie der natürlichen Umwelt
resultiert;
vgl. dazu in:
Die tri_logische Sezierung des lobbykratischen Zeitalters,
Band I, Teilband 4: „Der Lösungsweg“, Kapitel 25:
„Skizzierung des Sozialen Rechtsstaates“, Teil 2,
die Seiten 138-47.__]


Es [__das Milieu__] bestimmt darüber, ob eine vorhandene Anlage entwickelt, verstärkt oder gar nicht zur Entfaltung zugelassen wird. Den stärksten Einwand gegen die Anschauung vom Angeborensein des Charakters bilden wohl jene Fälle, bei denen die Analyse nachweist, daß sie bis zu einem bestimmten Alter gewisse Reaktionsweisen hatten, von diesem Alter ab aber sich charakterlich vollständig anders entwickelten, etwa zuerst leicht erregbar und heiter, später depressiv, oder zuerst zornig-motorisch waren, dann still und gehemmt wurden. […]

A.a.O., Seite 177.

Aus:

Wilhelm Reich, Charakteranalyse — Technik und Grundlagen für studierende und praktizierende Analytiker, Selbstverlag des Verfassers, Berlin, 1933 — kurz vor seiner Flucht nach Dänemark veröffentlicht.


In seiner Massenpsychologie des Faschismus’, entstanden in den Jahren 1930 bis 33 und im September 1933 in der ersten und im April 1934 in der zweiten Auflage in Dänemark erschienen, d.h. nach seiner Flucht aus Deutschland, wurde die erste Passage dieses Auszugs noch etwas weiter ausgearbeitet, aber alles Entscheidende findet sich bereits in ihrer Originalfassung. Der Aussagewert dieser Passagen ist aus meiner Sicht nicht hoch genug einzuschätzen, da sie das menschliche Dilemma ohne metaphysisches Brimborium nicht nur auf den Punkt bringt, sondern auch andeutet, wo der Hebel anzusetzen ist, soll es tatsächlich zu dem kommen, um was es zu gehen hat, soll also überhaupt erst das in jedem Menschen steckende Potential zu selbst_bestimmter, bzw. selbst_regulierter Entfaltung kommen können. Und

„selbstregulierte Entfaltung“

bedeutet selbstverständlich eine persönliche Entfaltung, die nicht auf Kosten anderer geschieht. Anzustreben ist aber eine solche Entfaltung mit anderen, sich ebenfalls selbstregulierend entfaltenden Menschen. Dies hätte weitreichende Konsequenzen —

denn es war nicht ohne Grund,
wieso Wilhelm Reich von
_allen_
gesellschaftlich relevanten Gruppen angefeindet wurde
und nicht nur von den _ausgewiesenen_ Faschisten.

Reichs Werk eignet sich übrigens schlecht, es ohne scheuklappenfreie Auseinandersetzung mit allen seinen Teilen zu studieren, da sich seine späteren Arbeiten, so bspw. die von ihm begründete Wissenschaft von der Lebensenergie

(__die er „Orgonenergie“ nennt, da sie die kosmische Urenergie sei__),

die er „Orgonomie“ nennt, ohne die möglichst gute Kenntnis seiner früheren Arbeiten nicht zureichend erschließen — abgesehen von jenen experimentellen Arbeiten, die nicht _mal eben_ zu realisieren sind.

Joachim Endemann (__EndemannVerlag__)