«[…] Sprich, was du fühlts, nicht was man dich sagen heißt […]»

[…] Speak what we fell, not what we ought to say. […]

[_Edgar in: King Lear, 5. Aufzug, 3. Szene; Arden-Ausgabe, 1972._]

Sprich, was du fühlst, nicht was man dich sagen heißt, wendet sich keineswegs an diejenigen, die lediglich jenes sagen wollen, das ihnen wie auf den „Lippen zu liegen“ scheint, da dies meist selbst bloß anders — und immer selbstgenehm — Suggeriertes ist; was es mit der Phrase: „tu, was du willst!“ — angewendet — gemeinsam hat. Hingegen das eigene Sein im Seienden gefühlt-gedacht zu ver_sprachen, wie es die Prähistorischen gekonnt haben müssen. Denn es wäre absurd anzunehmen, daß sie die Sprache erfunden hatten, nur sich gegenseitig etwas in die Tasche zu lügen, wie es bei den Historischen später üblich wurde, als ihre machtelitären Kreise wohl merkten, wozu die Sprache zu verwenden ist — reduziert man sie ihrem Streben gemäß —, also, daß dem Gefühlten des Gefühlt-Gedachten sprachlich allein noch entfremdeter — „aufgesetzter“ — Ausdruck zu geben ist. Kann es da erstaunen, daß die Sprache der Historischen zu dem wurde, was sie heute ist. … Was? … Jenes, das sich adäquat im Namen der Puffmutter «Fuddelfut» in (_der Frank Güntherschen Übersetzung von_) Shakespeares Measure for Measure spiegelt.[_*_]



© Joachim Endemann (_EndemannVerlag_)


_* Zum „Gefühlt-Gedachten“ siehe in: «Ist der Monotheismus von seiner Anlage her ein elementarer Faktor der Gewalt?», Teil 2: „Von gefühlt-gedachter Wahrnehmungsweise, dem Ursprung der Prophetie und dem Werden des ‘Religiösen’ als gesellschaftliches Machtmittel“, Kapitel 5: „Der ‘Schamanismus’ als Hinweis auf die völlig andere Art und Weise des Wahrnehmens der Prähistorischen“.


Siehe auch die Frank Güntherschen Übersetzungen der Shakespeareschen Dramen King Lear und Measure for Measure, dtv,  München, 1997; 2000. Günther übersetzt die oben zitierte Stelle so:

«[…] Was man fühlt, sprechen,
nicht, was man sollte, sagen […]».

Wie aktuell das von Shakespeare im King Lear bearbeitete Thema ist — ist die Sprache andres noch als Verbergungsmittel des in digitalen Zeiten Unsagbargewordenen? —, erschließt sich durch die Anmerkungen, die Frank Günther seiner Übersetzung beigefügt hat: „Aus der Übersetzerwerkstatt: Vom Sprechen und Schweigen des Textes oder Die ontologische Klamotte“, die, das sei ergänzt, eine bürgerliche sein muß, da die „Ontologie“ nun einmal ihr Herkommen von der bürgerlichen Philosophie hat und worin sie sich „ideell“ ergeht, man demnach auch sagen könnte: die Vernuttung der Sprache ist Ergebnis der „bürgerlichen Klamotte“ …