Nach Art der Chinesen denken

Der originale Artikel ist am 10. Februar 2002 in der Printausgabe der Wochenzeitschrift Marianne erschienen unter dem Titel: Penser à la manière des Chinois.
Sein Verfasser ist der Essayist, Philosoph und Journalist Philippe Petit, der u.a. auch als Redakteur dieser Zeitschrift tätig ist. Seine Artikel werden von der Idee geleitet, wissenschaftliche und technische Entwicklungen in Einklang zu bringen mit der Alltagskultur. Dementsprechend dienen seine Artikel der Reflexion über die sich daraus ergebenden Fragen: Wie kann es gelingen, Wissenschaft und Technik in der Alltagskultur zu verankern? Wie kann zwischen Philosophie und vorherrschender Kultur vermittelt werden? Auf welche Weise kann angemessen über Gerechtigkeit, Metaphysik und Religion reflektiert werden? Wie können die Grenzen zwischen den Wissensgebieten gezogen werden? Wie verortet man tagesaktuelle Informationen mit gesetztem Wissen?
Im folgenden Artikel beschäftigt sich Petit mit der Art und Weise, wie der Philosoph und Sinologe François Jullien sich das chinesische Denken erschließt und welche Möglichkeiten sich daraus für einen europäischen Leser seines Werkes ergeben und zu welchen Schlußfolgerungen sie ihn führen können.
(Die Übertragung dieses Artikels ins Deutsche besorgte Joachim Endemann. Die Anmerkungen in eckigen Klammern stammen vom Übersetzer.)

Anhand der Untersuchung der Malerei, setzt der Philosoph François Jullien seine Erforschung der chinesischen Weisheit fort. Ein originelles und ehrgeiziges Unternehmen.

Das Denken enthausen“, „die unterschiedlichen Denkweisen neu begründen“, „arbeiten im Sinne einer ‚Denk-Dissidenz‘” – man möchte diese Äußerungen für altmodisch halten, hochmütig und abseitig liegend von der galoppierenden Uniformierung der Kulturen und der beschleunigten Globalisierung des Handels. Aber es hieße sich zu täuschen, beurteilte man sie auf diese Weise. Der Verfasser dieser floskelhaften Redewendungen ist kein Dilettant. Das ist ein Arbeitstier, Philosoph und Sinologe, der nichts mehr fürchtet, als sich zu langweilen und nicht mehr in eine Auseinandersetzung mit fremden Traditionen treten zu wollen. Er heißt François Jullien  und leitet [u.a.] seit [Anfang der 2000er Jahre] das Institut de la Pensée Contemporaine [das an der Universität Paris-Diderot  angesiedelt ist].

Anstatt „gemeinsam nach einem Zweifellosen zu blöken”, zieht es Jullien vor, den Zweifel zu wecken und dem Zweifelhaften Raum zu geben. Er sagt, daß er an die „Fruchtbarkeit des Konfliktes in offener Auseinandersetzung“ glaubt. Sein Œuvre ist konsistent, klar, umsichtig ausgearbeitet, eigensinnig und wesentlich China zum Thema habend. Es ist der Versuch einer Übersetzung, einer Klärung dessen, was es heißt, nach Art der Chinesen zu denken. Demnach geht es nicht um eine Simplifizierung und Standardisierung des chinesischen Denkens, vor allem aber ist es keine Einladung, sich zu erfreuen an einem heilbringenden Orient, dem eigen sei „die Offenbarung einer Mystik, die die Rückseite von unserem Rationalismus wäre und uns erlöste”. [Vgl. „Le débat“, n° 116]

Jullien ist kein Guru-Philosoph. Noch weniger ein JetSet-Philosoph. Den Gebrauch, den er von China macht, gleicht einer kulturellen Verzierung nicht. Ihm graut vor dem Exotischen. Wichtiger als der Dialog der Kulturen, ist ihm ihr Schicksal. Stimulierender als das Vergleichen der Kulturen, ist ihm die Eröffnung des Anderen, die Möglichkeit, zu anderen Quellen des Verstehens zu gelangen. François Jullien ist, aus dieser Sicht, mehr als ein Grenzgänger. Er ist ein Philosoph, der China aus der Überlegung heraus bereist, „den Dissens wiederherzustellen“, zu benennen die Unterschiede der Sprache, der Geschichte, der Erlebnisweisen, der Art und Weise, seine persönlichen Chancen zu nutzen, kurz, ein nicht-konformistisches oder nicht-uniformistisches Denken zu befördern. Seine Bücher bringen bei, intellektuell zu atmen. Sie entthronen unsere Gewißheiten und lassen unsere Voreingenommenheiten zutage treten.

Wie kommt es, daß China, vor seiner Verwestlichung, außerhalb unserer allgemeinen Überlegungen blieb? Wieso hat es nicht gekannt den Begriff des Daseins, des Gegenwärtigseins, der Ursache, die Vorstellung von Gott, die Vorsehung, das Ideal der Freiheit, die Lust an der Beweisführung, die Physik, die gegenständliche Malerei? Ja, warum? Alle Bücher Julliens scheuen sich nicht, auf diese Fragen zu antworten, und auf so viele andere noch. Was mag es bedeuten, anders als auf griechische oder auf hebräische Art und Weise zu denken? Wie ein Gefühl und eine Gemütsbewegung „mitlauschbar“ machen, die mit keiner unserer geistigen Kategorien in Zusammenhang stehen und doch Teil dessen sind, was allen Menschen gemein sein kann? Solche Fragen verfolgt François Jullien in „La grande image n’a pas de forme” [selbstverständlich ließe sich das bspw. einfach mit: „Das bedeutsame Bild weist keine Form auf“ übersetzen, aber – vielleicht – wäre es sinnerschließend, stände statt dessen: „Der frei-ungebundene Bildausdruck ist ohne Muster“].

Die Malerei vom 4. bis zum 20. Jahrhundert behandelnd, und sich hierbei auf die Schriften der gebildeten Chinesen stützend, erhellt es zugleich den einzigartigen Charakter des Stellenwertes, den die Chinesen dem Bild und dem Objekt beilegen. Erschienen Anfang 2003 im Verlag Seuil, ist „La grande image n’a pas de forme” ein ehrgeiziges Buch.

Es reflektiert auf eine Weise über die Malerei, daß eine Einblicknahme in eine Zivilisation möglich wird, die weder die Moderne ausgeheckt noch den Aufschwung der europäischen Wissenschaft gekannt hat.

In der Tat, China kennt den in der Renaissance sich manifestierenden epochalen Wandel nicht, es hat sich am Ende des 19. Jahrhunderts die Sache des „Rupturalismus“ [d.h. des bewußten Bruchs mit traditionellen Normsetzungen in der Kunst] nicht zu eigen gemacht, es „hat seine eigene Moderne nicht zu verursachen gewußt”, es hat lediglich erfahren einen diskreten Transformismus [d.h. eine gesellschaftliche Veränderung, die als solche zumindest ohne Bruch und realiter erst bei genauester Beobachtung, Anflüge von Andeutungen von Veränderung ahnen lassen]. Es hat eine Krise in der Versinnbildlichung nicht erlebt. Ebenso „hat es die Lehre von der Physik kaum entwickelt; die Unterscheidung von physisch und sittlich wurde nicht vollzogen”, unterstreicht Jullien.

Der Weise lebt nach Maßgabe der sich ereignenden Dinge, er sucht nicht die Natur zu beherrschen, nicht den universellen Strom mathematisch zu bestimmen. Er dissoziiert nicht die physikalischen und die moralischen Gesetze, aus dem einfachen Grund, daß seine Moralität in der Natur verankert bleibt und auf einem stillen Einverständnis mit der Welt beruht.

Aber das heißt nicht, wie die ersten jesuitischen Missionare glaubten, daß die Chinesen unfähig wären, sich von den weltlichen Anragungen durchdringen zu lassen, denn sie ließen sie auf sich zukommen, weiter nichts, ohne sich darum zu scheren, ob sie zum Objekt zu machen hätten ein sich ihnen gegenüber zeigendes Phänomen, das man betrachtet und von seinem Bewußtsein abgetrennt glaubt.

Die chinesische Malerei kennt keine solche Trennung. Sie bevorrechtet die Rezeptivität, die Begegnung, das Offensein für das Darzustellende, die Anwandlung, in ihm eine Ähnlichkeit zu erreichen. Der Maler läßt die Formen kommen, er sucht nicht, sie in eine bildliche Darstellung einzuzwängen durch ein Zuviel an mathematischer Strenge oder daß die Perspektive dem Bildgefaßten ihre Ordnung auferlegte.

Eine solche Offenheit des Malers ist Prinzip der chinesischen Malerei. „In der Konsequenz rührt das Nicht-Objekthafte der Landschaftsmalerei her von einer unmerklichen Osmose vom Außen ins Innen, stromauf jeder aufmerksamen und konzertierten Perzeption”, schreibt Jullien.

China hat keinen Anteil an der objektiven wissenschaftlichen Sachlichkeit, die chinesische Wissenschaft richtete sich im 14. Jahrhundert ein. Aber es hat sich bis zum 20. Jahrhundert die Möglichkeiten ausgeborgt, die der Westen unter sich begraben hatte. François Jullien nimmt sich die Freiheit,  diese prärationalen Weisen der Logik in die Kunst zu übersetzen – abseits des großen Theaters der Glaubwürdigkeit und der abschüssigen Wege des europäischen Geistes.

Seine Betrachtungen über den Geist des Landschaftsbildes, sein Eingehen auf das Indistinkte, also das Undeutliche in der chinesischen Malkunst, die Neigung der Dinge, ihre „Möglichkeitsspreizung“ und „Möglichkeitsfacettierung” und Konstitution abzubilden, bringen mehr, als daß wir uns auf den „Weg“ (das Dào) des „belebten Spirituellen” begeben, den die klassische chinesische Malerei darstellt. Jullien verschließt uns das Besorgtsein der zivilisierten Völker, das Rousseau so sehr erschreckte und erschließt uns den Inhalt dessen, vermittels der chinesischen Weisheit, welcher Art ein Esprit, der sich nicht betrübt, welcher Art ein Leben sein könnte, das sich spürt, wie man den Wind wehen, den Nebel sich auflösen oder die Leere sich mitteilen fühlt.

Denn, wenn es wahr ist, daß der europäische Maler sich mit dem Nichtdarstellbaren mißt und der chinesische Maler mit dem Unergründlichen, im undifferenzierten Eigentlichen der Dinge, im Klarfeinen der Form und im Aufgelösten der Pinselführung, so daß eine Vorstellung in Blüte kommt, der Ort einer dynamischen Transformation, dann ist China uns näher als man glaubt. Es arbeitet in uns, in unserem Inneren, wie eine Vertrautheit, die man sich versagte. Es hilft uns, dank François Jullien, die Verblendung unserer kulturellen Gewißheiten aufzudecken und das Kommen der Missionare der Eintönigkeit aufzuhalten. Es läßt uns einem solchen Ansinnen gegenüber fremdwerden. [Vgl. « Dépayser la pensée : Dialogues hétérotopiques avec François Jullien sur son usage philosophique de la Chine », von Le Huu Khoa und Thierry Marchaisse, éditions Les Empêcheurs de penser en rond, 2003.]

© Philippe Petit bezüglich des originalen Artikels: « Penser à la manière des Chinois », der am 10. Februar 2002 erschienen ist in der Printausgabe der Wochenzeitschrift Marianne.
© Joachim Endemann bezüglich dieser Übertragung ins Deutsche.