Keynes – der Ökonom des Ungewissen

Philippe Cohen (1953-2013), der Autor des hier in deutscher Sprache abgefaßten Artikels, war Journalist, Essayist und u.a. Mitbegründer und Redakteur (für wirtschaftliche und soziale Fragen) der französischen Wochenzeitschrift Marianne, sowie Mitbegründer und erster Generalsekretär der „Fondation du 2-Mars“ (einer am 2. März 1998 gegründeten Stiftung, deren Name ursprünglich „Fondation Marc Bloch“ war, sich aber aus juristischen Gründen den aktuellen Namen geben mußte), die sich im Gedankenaustausch den Werten der republikanischen Kultur wie auch den zugehörigen sozialen und wirtschaftlichen Leitsätzen widmet und ihren Sitz in Paris hat.

Nun, in diesem Artikel, der in der N° 275 der Printausgabe der französischen Wochenzeitschrift Marianne am 29. August 2002 erschienen ist, beschäftigt sich Cohen mit dem vielseitig gebildeten britischen Wirtschaftswissenschaftler, Mathematiker und Politiker John Maynard Keynes (1883-1946), der sich mit dem Phänomen „Gesamtwirtschaft“ aus einem gesellschaftlichen Blickwinkel heraus beschäftigt, d.h. von der Perspektive aus, die die wirklichen wirtschaftlichen Abläufe zu erkennen sucht – eine realistische Perspektive also, deren Hintergrund das  _U n g e w i s s e_  ist, das dementsprechend die Überlegungen zu bestimmen hat, will man wirtschaftliche Abläufe realistisch theoretisieren.

(Die Übertragung dieses Artikels ins Deutsche besorgte Joachim Endemann. Die Anmerkungen in eckigen Klammern, stammen ebenfalls vom Übersetzer.)

 

… die Dynamik des Kapitalismus erfordert, um angespornt zu sein, daß Ungleichheiten sich nicht zu sehr entwickeln. Und das aus einem einfachen Grund: wenn die Ungleichheiten sich verschärfen, wird der zusätzliche Reichtum vom Verbrauch abgezogen und dem Wirtschaftskreislauf (vorläufig) entzogen. Und das Kapital wird unproduktiv. Wenn aber der zusätzliche Reichtum eingesetzt wird, um bescheidene Einkommen zu erhöhen oder Arbeitslosen erlaubt, eine Arbeit zu finden, wird das Geld sofort wieder ausgegeben und sofort in den Wirtschaftskreislauf reinjiziert.

 

Man legt Keynes wieder neu auf. Endlich. Der Entschluß kommt wie gerufen, genau in dem Moment, wo der Neoliberalismus ruiniert zu haben scheint die Dynamik des Kapitalismus, wie der englische Wirtschaftsexperte sie verstanden hat. In Wirtschaftsangelegenheiten nicht versierte Leser bewegen sich in diesen Bereichen normalerweise nicht: Keynes hat auch für sie geschrieben.

Es ist eine der erfolgreicheren Hold-up-Ideologisierungen [wegen unzureichender Kenntnisse also] am Ende des 20. Jahrhunderts:

Für das Ensemble der mehr oder weniger unaufmerksamen Beobachter der ökonomischen und politischen Welt, ist John Maynard Keynes unzweifelhaft links. Denn, wie Bertrand Martinot anmerkt (in: Keynes et le capitalisme, Revue Esprits libres, Herbst 2001):

„nachdem von den Wirtschaftslenkern in den 50er bis 70er Jahren über den grünen Klee gelobt worden, die in ihm den Legitimateur etatistischer Expansion und den Retter des Kapitalismus zugleich sahen, ist der Stern Keynes’ überaus verblaßt“.

Deshalb sind jene, die sich auf ihn berufen – erwähnen wir ohne Ordnung den Sozialisten Henri Emmanuelli, den Ökonomen Jean-Paul Titoussi oder noch die Gruppe der Ökonomen gegen das Einheitsdenken – eher links und mitunter links von der Linken.

Zweitens, wenn eine der Keynes zugeschriebenen Ideen sich dem großen Publikum aufgedrängt hat, dann ist das gewiß die der staatlichen Intervention zur Wiederankurbelung der Wirtschaft. Nach dem Scheitern der Regierung Mauroy (1981-1983) ist diese Idee in ganz Europa verworfen worden.

Durch ein kurioses Phänomen hat sich die Mehrzahl der politischen Parteien (rechts wie links) damals dem dogmatischen Wirtschaftsliberalismus ausgeliefert. Was eine doppelte Absurdität verursacht hat: als erste, Keynes auf den Staatsinterventionismus zu reduzieren, eine der Lösungen, die er gepredigt hat, um, zwischen den beiden Weltkriegen, die wirtschaftliche Wachstumsrate in Europa und England zu verbessern; dann, ein Denken als links einzusortieren, das vor allem pragmatisch sein wollte.

Nun, das internationale und nationale Zeitgeschehen bringt uns wieder auf Keynes zurück, oder genauer: führt uns zu einem anderen Keynes, zu jenem, der, konfrontiert mit den Krisen und den Rezessionen der Zwischenkriegszeit, dazu gebracht wird, Auswege abseits der von der Orthodoxie gebahnten Pfade zu empfehlen. Diese Aktualität liegt übrigens nun auch in Buchform vor, da der Verlag Gallimard nun einmal die ausgezeichnete Idee gehabt hat, in zwei Bänden ein Ensemble der Werke des englischen Ökonomen zu veröffentlichen: La pauvreté dans l’abondance [eine Zusammenstellung von in den krisenhaften 30er Jahren des 20. Jh. u.f.Z. von Keynes verfaßten Texten] und Les conséquences économiques de la paix [Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages, 1919]

Tod den Privatiers!

Der Zustand der Verwirrung, in den die Finanzmärkte getaucht sind im Jahre 2002, verweist übrigens geradewegs auf eine der grundlegenden Hypothesen Keynes’: die Ungewißheit. „Morgen“, präzisiert er, „wissen wir nichts“.

„Seine Theorie basiert auf einem radikalen Postulat des Ungewissen“, wie es der Ökonom Bernard Maris in seiner durchschlagenden Biographie, Keynes ou l’économiste citoyen, hervorhebt. Nun, konfrontiert mit den Fragen, über die er mutmaßt und von denen er Kenntnis zu haben behauptet, bedarf es eines gewissen Mutes, wenn der Ökonom sein Unwissen bekennt. Doch alle Experten, die, jedes Jahr im Dezember auf den CAC 40 [französisches Pendant zum DAX] „wettend“, mit einer unfehlbaren Regelmäßigkeit sich um 5.000, 6.000 oder sogar 8.000 Punkte irren, wären gut beraten, Keynes wieder zu lesen. In seinem Hauptwerk, The General Theory, definiert Keynes die „Konvention“, d.h. den Consensus des Marktes in einem gegebenen Moment.

Maris rekonstruiert seinen Gedanken:

„Die Konvention ist der Glaube, daß das, was heute passiert, sich morgen, im Mittel, fortsetzen wird. Auf diese Weise setzt sich die Ansicht fest, daß die Börsenkurse fortfahren werden weiter zu wachsen. Man glaubt, daß die voranschreitende Masse kontinuierlich vorwärts kommt. Die Konvention ist nichts anderes, als der ausgesprochen intuitive Gedanke, daß die Angelegenheiten im ‚Zustand‘ des Fortfahrens verbleiben.“

Nun, zunächst, dieser Prozeß selbst ist die Basis  der Mimikry. „Es ist besser mit der Masse unrecht zu haben, als gegen sie recht”, betont Keynes. Und, vor allen Dingen, Mimikry spielt sich in allen Richtungen ab. Sie wird die Konvention auflösen, die sie am Vortag selbst etabliert hatte.

Die Konvention der Börsen, im Jahre 2000, das war der e-Commerce, der den Unternehmen einen großen Profitsprung verschaffte, ihre Produktivität beträchtlich steigernd. Zwischen 1997 und 2000 haben die „Agenten“ (jene, die die Börse „machen“) bloß in dieser Richtung die Informationen registriert, hingegen negligiert, bspw., die horrenden Verluste der Startup-Firmen, die Schwäche des so gepriesenen und doch ausschließlich auf Propaganda beruhenden ökonomischen Modells und die geringe Produktausstattung der Bevölkerung – objektive Bremse für den Markt neuer Techniken.

Heute, nach zerplatzter Seifenblase und drei Enron später, registriert der Markt bloß noch die „schlechten Nachrichten“, Kontenfälschungen, die Hypothese außerbilanzierter Verluste etc..

Die Vorstellung von der Ungewißheit steht also spiegelbildlich zu jener von den Orthodoxen von gestern und heute verteidigten Vorstellung, die eine Selbstregulierung des Marktes vorschreibt – unter Verwendung der vorzüglichen Auskünfte der „Agenten“.

Wir berühren hier die zweite Errungenschaft Keynes’:

die Notwendigkeit einer bewußten Aktion der Regierenden, um sich den spontanen Tendenzen des Marktes zu widersetzen, die letztlich immer der Prosperität den Rücken kehren.

Keynes hebt so den Ansatz des Begriffs „Laisser-faire“ wieder auf: „Was muß man tun, um Ihnen zu helfen?“, fragte Colbert [Jean-Baptiste Colbert, Marquis de Seignelay, 1619-1683; gilt als einer der größten Staatsmänner Frankreichs; von Kardinal Mazarin Ludwig XIV. empfohlen; vgl. Merkantilismus] den Händler Legendre. Und dieser antwortete: „uns machen lassen“.

Nun, Keynes hat gegen diese Argumentation ein wichtiges Gegenargument entwickelt:

nach ihm würde die Prosperität von der Beziehung zwischen Sparen und Investieren abhängen. Der Ökonom Liem Hoang-Ngoc, Keynes-Spezialist und Lehrender an Universität Paris-I, hält es für unerläßlich, das genauer darzulegen:

„Keynes bestreitet die Stichhaltigkeit der Argumentation von Politikern, die darauf abzielt, das Sparen zu ermuntern, um Investitionen wiederzubeleben. Er stellt fest, daß ein Teil des Ersparten nicht notwendigerweise Investitionsprojekte der Unternehmen alimentiere.“

[Denn, fehlt Nachfrage wegen unzureichender Verteilung der Kaufkraft, lohnt das Investieren nicht, sondern das Spekulieren im Finanzsektor. Anm. je]

Man kann es mühelos verstehen, wenn man Keynes selbst liest:

„Es ist unsere Gewohnheit, von unserem Verbrauch eine größere Summe abzuziehen, in dem Maße, wie unser Einkommen steigt, es sei denn, daß wir unsere Gewohnheiten ändern, um mehr zu konsumieren.“

Das ist ein grundlegender Punkt, der Keynes von den orthodoxen Liberalen unterscheidet:

Die Dynamik des Kapitalismus erfordert, um angespornt zu sein, daß Ungleichheiten sich nicht zu sehr entwickeln. Und das aus einem einfachen Grund: wenn die Ungleichheiten sich verschärfen, wird der zusätzliche Reichtum vom Verbrauch abgezogen und dem Wirtschaftskreislauf (vorläufig) entzogen.

[Es geschieht hierbei also genau jenes, das neoliberale Ideologen immer unterstellen, wenn sich Staaten verschulden – ohne der Frage nachzugehen: zu welchem Zweck und wieso eine solche Verschuldung erfolgt und zudem unterstellend, daß es sich dabei um ein Steckenpferd der Öffentlichen Hand handele, obwohl doch klar sein müßte, daß die Öffentliche Hand weitgehend auf Verschuldung verzichten könnte, gäbe es eine andere relevante Größe, abgesehen vom Ausland, die Grund sähe, sich zu verschulden, also zu investieren: bspw. die privaten Unternehmer. Anm. je]

Und das Kapital wird unproduktiv. Wenn aber der zusätzliche Reichtum eingesetzt wird, um bescheidene Einkommen zu erhöhen oder Arbeitslosen erlaubt, eine Arbeit zu finden, wird das Geld sofort wieder ausgegeben und sofort in den Wirtschaftskreislauf reinjiziert.

Für Keynes sind die Löhne und Ausgaben von heute die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen, während die orthodoxe Schule das Sparen als Bedingung fürs Investieren ansieht.

Es ist dieser als schädlich betrachtete Abscheu Keynes’ vor dem Sparen und dem Besitzeinkommen, der eine der wirklichen Originalitäten Keynes’ ausmacht.

Nach Bernard Maris, käme die Feindseligkeit Keynes’ gegen die Privatiers von seiner Existenzphilosophie (Keynes war ein homosexueller Hedonist) und seiner Zustimmung zu den Ideen Freuds.

Im Unterschied zu den Orthodoxen, die die wirtschaftlichen Faktoren allgemeingültig machen, denkt Keynes über die Psychologie des Unternehmers, des Privatiers oder des Arbeitnehmers nach. So scheint ihm zum Beispiel die Aktivität des Spekulierens [an der Börse], morbide Verlockung als Nichtigkeit zu übersetzen, während der Unternehmer, z.B., vom Wunsch zu erfinden beseelt sei.

Schon in der Zwischenkriegszeit hatte Keynes die „Euthanasie“ der von Besitzeinkommen Lebenden gelobt, und die Länder, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten, die seinen Ratschlägen gefolgt waren, haben eine Zeit der Prosperität gekannt.

[Es sollte allerdings angemerkt werden, daß es schon um die Qualität der Prosperität geht: zeitweilige Prosperität durch infrastrukturelle Maßnahmen als Voraussetzung dafür, bei gleichzeitig erfolgender militärische Aufrüstung, über die eigenen Landesgrenzen kriegerisch expandieren zu können, ist letztlich  destruktiv und deshalb keine nachhaltige Lösung wirtschaftlicher Problemstellungen. Anm. je] 

Aus Sicht des französischen Ökonomen Thomas Piketty kann allerdings diese Notwendigkeit, sich den Privatiers gegenüber in Opposition zu setzen, zur Inflation führen:

„Keynes aber, der der Rechten wie der Linken den Rücken kehrte, hatte die Dimension der Umverteilung durch die Inflation erfaßt. Er überlegte, daß einer der Widersprüche des Kapitalismus der ist, daß die Unternehmen ihrerseits die Tendenz haben, Privatiers zu werden.“

_[_Abgesehen davon, daß Thomas Piketty mit der Zentralsetzung von öffentlichen Schulden, ohne auch nur die Bedeutung der Anwendung stetiger und flächendeckender Lohnsteigerung nach der Goldenen Lohnregel zu thematisieren, am zentralen Problem der europäischen Währungsunion vorbeigeht, beschreibt er zwar zusätzliche Inflation

{die also hinausgeht über die als Ziel von 2 Prozent von praktisch allen Zentralbanken der Welt als notwendig anerkannte jährliche Preissteigerung}

als eine Möglichkeit, neben der Möglichkeit einer Sonderabgabe auf Kapitalerträge, um nicht über einen Zeitraum von Jahrzehnten eine Austeritätspolitik betreiben zu müssen, die Staatsschulden zu senken

{als Beispiel einer „prolongierten Austerität“ über einen Zeitraum von ca. 100 Jahren, führt er Großbritannien an – man muß aber jedenfalls bedenken, daß nicht praktisch die ganze Welt einen solchen Sparkurs verfolgen kann, so wenig, wie die ganze Welt Exportieren kann, denn das genau bedeutet ein gesamtwirtschaftlicher Sparkurs: billiger zu werden als die anderen, denn nur über Mehrverkauf an Gütern, lassen sich Schulden bezahlen},

thematisiert aber die {tatsächlichen} Ursachen von Inflation nicht, so daß diese als jederzeit erzeugbares Phänomen unbekannter [bzw. von der Praxis nicht bestätigter bloßer „Erhöhung der Geldmenge“ als] Ursache gelten muß – dem Leser der Seiten 891 ff. seines Buches, Le capital au XXIe siècle, Seuil, Paris, 2013. Anm. je_]_

Nach Keynes ist die Beziehung zwischen Sparen und Investieren die gleiche wie zwischen Gewinnsatz und monetärem Zinssatz, d.h. der Miete für das geliehene Geld.

Nichts ist einfacher, als das zu verstehen:

wenn der zweite [der Zinssatz] höher ist als der erste, hat der Unternehmer eher die Neigung [an der Börse] zu spekulieren, nur sein Geld anzulegen, anstatt es zu investieren. Wenn dagegen der Zinssatz schwach, gar gleich null ist, fühlt sich der Unternehmer getrieben, zu schaffen oder zu entwickeln [d.h. zu investieren]. Deshalb also hat der sehr hohe Zinssatz des Franc, zwischen 1991 und 1995 über dem der D-Mark liegend, eine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst.

[Tatsächlich aber hat ein {vernünftiger} Unternehmer nur dann Neigung zu investieren, wenn er davon ausgehen kann, daß eine erhöhte Nachfrage dies rechtfertigte. Diese Erhöhung ist aber von stetig, d.h. im Gleichschritt mit der Produktivität {flächendeckend} steigenden Löhnen abhängig. Deshalb ist es so, daß man sich, gesamtwirtschaftlich gesehen, selbst ins Knie schießt, läßt man nicht nur die Etablierung eines Niedriglohnsektors zu, sondern ist darauf auch noch stolz, will also nicht einmal über eine solche wirtschaftspolitische Dummheit nachdenken. Immerhin hat man sich damit, gesamtwirtschaftlich gesehen, selbst eine Falle gestellt, die unternehmerische Investitionen verhindert: wegen dadurch bedingtem Massenkaufkraftschwunds. Anm. je]

Gemäß Keynes, gehorcht die Idee der Umverteilung nicht einer Ideologie der oder einem Bedürfnis nach Großzügigkeit:

die Funktionsweise des Kapitalismus feststellend, kommt er zu dem Schluß, daß ein gewisses Maß an Umverteilung für Wachstum und Prosperität notwendig ist.

Das gleiche gilt bezüglich der Frage nach dem Staat. Keynes war ein überzeugter Antikommunist.

Aber, wenn das kapitalistische System ein zu großes Ungleichgewicht induziert, muß man liquide Mittel einspritzen, was nur eine Zentralbank tun kann, also eine politische Kraft, auch auf internationaler Ebene, wenn sich das als nützlich erweist.

In seinem 1919 veröffentlichten Werk The Economic Consequences of the Peace („Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“), predigt Keynes gleichzeitig die Annullierung der unter den Alliierten bestehenden Schulden, limitierte Reparationszahlungen Deutschlands (um seine wirtschaftliche Entwicklung nicht zu behindern) und einen großen Kredit an alle Länder Europas für ihren Wiederaufbau. Er wird nicht gehört werden.

Das völkische Deutschland wird sich in Verbitterung gegen die Sieger von 1918 einschließen, wovon Hitler profitieren wird.

Man muß bis nach dem Zweiten Weltkrieg warten, um seine Weisheit mit dem von Keynes erfundenen und auf der Stimulation der weltweiten Nachfrage begründeten Systems von Bretton Woods [1944; Finanz- und Währungskonferenz der sich konstituierenden UN] durchgesetzt zu sehen. Dieses System wird über dreißig Jahre Wohlstand und Wachstum auslösen.

Die Wirtschaft ist außer Atem

Die kapitalistische Welt hat sich heute von Bretton Woods abgewendet. Aber das System ist wieder außer Atem. Ohne Zweifel besteht das Problem der Nachfrage weiter.

Die amerikanische Wirtschaft, die auf Kredit lebt, spielt fast einzig die Lokomotive der Weltwirtschaft, insofern, als sie den europäischen Industriellen und denen der Entwicklungsländer einen Absatzmarkt eröffnet. Aber wenn die Vereinigten Staaten nießen, wie es durch die Abschwächung seit 2001 der Fall ist, ist es die Weltwirtschaft, die sich erkältet. Da würde sich doch eine Form der Koordination der separierten Wirtschaftspolitik der Nationen aufdrängen, um die Nachfrage anzuregen.

Es ist z.B. offensichtlich, daß die neuen Technologien jetzt ihre Grenzen in der unzureichenden Anzahl der Internet-Benutzer in der Welt finden, d.h. der mit einem PC ausgestatteten Haushalte. Man müßte die allgemeine Verteilung von Computern predigen, um die Ausstattungsrate der Haushalte von 20 auf 70, gar 80 % in den entwickelten Ländern und von 5 auf 40, gar 50 % in den Entwicklungsländern zu steigern. Aber die Mehrheit der Ökonomen und der Regierenden zieht es vor, an die Tugenden des Sparens zu glauben, selbst wenn sich das Ersparte an der Börse in Rauch auflöst.

© Philippe Cohen für den originalen Artikel, der am 29. August 2002 erschienen ist in der N° 275 der Printausgabe der französischen Wochenzeitschrift Marianne.

© Joachim Endemann für diese Übertragung ins Deutsche.