Ist Peter Sloterdijk ein so bedeutender Denker wie behauptet wird?

Christian Godin, Philosoph, Publizist und Essayist, der u.a. auch für die französische Wochenzeitschrift Marianne schreibt, hatte am 3. Juni des Jahres 2002 in der Printausgabe dieser Zeitschrift einen Artikel zu Peter Sloterdijk publiziert: Sloterdijk est-il un penseur aussi important qu’on le dit? Dieser ist seinerzeit von mir übersetzt worden und wird hier nun veröffentlicht, da er seine Aktualität alles andere als eingebüßt hat.
(Die Anmerkungen in eckigen Klammern stammen vom Übersetzer.)

 

Ein streitbarer Philosoph tritt seit einigen Jahren auf der deutschen Intellektuellenszene in Erscheinung. Ein verlegerischer Erfolg, ein medien-politischer Skandal und, schließlich, das Erscheinen eines Gipfelpunktes – des als Trilogie angelegten Opus Magnum Sphären – alimentieren die öffentliche Meinung.

Wie einen Menschen bezeichnen, der sich in einer Unterredung mit einem Klavier verglich, auf dem von fern „telekinetische“ Pianisten spielten? Was von dem denken, der das sagt?

Nach dem Krieg in einem ruinierten Deutschland geboren, ist Peter Sloterdijk ein atypischer Intellektueller. Er ist der Anti-Habermas schlechthin. Er weist das Gewicht der historischen Schuld seines Landes zurück. Er sieht sich diesbezüglich weder als solvent noch als Buchhalter. Diese Befreiung übersetzt sich bei ihm in eine radikale Ablehnung allen Universalismus‘, sei er nun moralisch von kantischer oder sozial von marxscher Prägung. Welchen Sinn einem solchen Tilgungsunternehmen geben?

Deutscher Philosoph, Schriftsteller, Essayist, 1947 geboren, hat Peter Sloterdijk vielfältige Beeinflussungen in seiner philosophischen Ausbildung erfahren: Phänomenologie, Existentialismus, die Kritische Theorie Adornos. Aber es sind Nietzsche und Heidegger, die die ersten Ränge seines Denkens besetzen. Die Kritik der zynischen Vernunft (1983), zwei Jahrhunderte nach der „Kritik der reinen Vernunft“ Kants verfaßt, dessen Grab sie zu sein beabsichtigt, war ein großer buchhändlerischer Erfolg (100.000 verkaufte Exemplare – und das, durch dieses bloße Faktum, der These widerspricht, die er behauptet zu verfechten: das Zuschandenwerden der Kultur) und ist in mehrere Sprachen übersetzt worden.

Aber es ist ein Vortrag, veröffentlicht unter dem Titel Regeln für den Menschenpark, der seinen Autor 1999 in Deutschland und im Ausland einem sehr breiten Publikum bekannt machte, auf Grund des denkwürdigen Skandals, den er verursachte [der Vortrag], ein Skandal, in den ein anderer deutscher Philosoph verwickelt war, Jürgen Habermas: aus einer Lesung der Politeia Platons heraus, wurde Peter Sloterdijk angeklagt, genetische Manipulationen am Menschen zu legitimieren. Sein „anthropotechnisches Konzept“, das „Auschwitz-Tabu“ fallenlassend, läutete das Ende des Nachkriegs-Neohumanismus ein, veranschaulichte Habermas.

Dann, in gewissem Sinne der Bernard Pivot [geboren im Jahre 1935, französischer Kulturjournalist, der auch im Fernsehen zu kulturellen Debatten einlädt] des deutschen Fernsehens geworden, hat Peter Sloterdijk vor kurzem ein umfangreiches Werk beendet: Sphären, eine Trilogie, deren erster Teil, Sphären I – Blasen, Mikrosphärologie, vor kurzem in Frankreich herausgekommen ist. Die zwei anderen Bände, Sphären II – Globen, Makrosphärologie und Sphären III – Schäume, Plurale Sphärologie, werden demnächst in ihrer französischen Übersetzung erscheinen [auf Anfrage beim Suhrkamp Verlag hin, konnte seinerzeit die Auskunft eingeholt werden, daß das Erscheinen des dritten Teiles der Trilogie Sphären III – Schäume, im ersten Drittel des Jahres 2003 vorgesehen war, tatsächlich aber erst 2004 herauskam].

Sphären knüpft wieder an das ehrgeizige Projekt Oswald Spenglers an: einer allgemeinen Morphologie des Menschheitsabenteuers. Aber, anstatt auf gewagten Analogien zu beruhen, weil zu determiniert (wie jene, die der Autor von Der Untergang des Abendlandes zwischen der Musik des Barocks und der Infinitesimalrechnung herstellt), spielt das Vorhaben Peter Sloterdijks mit der Dehnbarkeit des Symbolbildes „Sphäre“:

Zwischen der Umwelt des Tieres, die ihm die Bedingungen für sein organisches Leben setzt, und der ekstatischen Türöffnung (die „Lichtung“), die, in einer von Heidegger fortgesetzten Tradition, den Menschen spezifiziert, muß es, nach Peter Sloterdijk, Zwischenwelten geben, die weder einfache Käfige noch mit unbegrenzten Öffnungen versehen sind.

In seiner Trilogie geht Peter Sloterdijk von der schon von Heidegger und Merleau-Ponty (der Körper ist nicht im Raum, er bewohnt ihn) bearbeiteten Idee des Bewohnens aus und konzipiert sie  wie eine Sphärenerzeugung.

Dieses Bewohnen findet nicht im Alleinsein statt: am Ursprung steht nicht die Eins (der Geist oder der vereinzelte Körper), sondern die Zwei. Diese Zwei des Anfangs ist jene der Mutter und ihres Fetus oder die des Fetus und der Plazenta: für Peter Sloterdijk ist die fötale Wohngemeinschaft nicht nur die erste Sphäre, sie ist das Modell aller ihr nachfolgenden Sphären. Ein Modell, das „Versuch über die existentielle Topologie“ genannt werden könnte, will auch, wie Heidegger geschrieben hätte, sein „Sein und Raum“ hinter seinem „Sein und Zeit“ haben.

Der Raum, der im zeitgenössischen Denken, seit Bergson, zugunsten der Zeit entthront gewesen war, erobert also seine Vorrangstellung zurück.

Sphären I – Blasen versucht eine „Mikrosphärologie“ zu konstituieren, d.h. eine Interpretation der individuellen symbiotischen Beziehungen.

Auf der anderen Seite ist die Erde eine belebte Sphäre, deren Sinn es ist, dem Menschengeschlecht eine kosmische Herberge zu stellen, entsprechend befaßt sich das zweite Buch der Trilogie, Sphären II – Globen, mit der historisch-politischen Welt.

Sphären III – Schäume entwickelt eine „pluralistische Sphärologie“ und analysiert „die neuzeitliche Katastrophe der runden Welt“. Im Polysphärischen [sozusagen als eine Vervielfältigung des Mikrosphärischen], gibt es nicht mehr ein Zentrum, sondern eine Vielzahl kleiner Zentren. Die heutige Welt wäre demnach nicht mehr das Resultat einer Globalisierung, sondern das einer „Verschaumung“.

Sehen wir uns das Symbolbild an, von dem man annehmen kann, dieser Trilogie Sinn und Einheit zu geben:

Wenn wir Sphäre als „Wirkungskreis“ [im „Gesichtskreis“ eines „Machtbereiches“] denken, und sie als Trägerin eines physischen Raumes abweisen, kann die Gesamtheit des Abenteuers der menschlichen Existenz als eine Sphärenkonstitution beschrieben werden. Diese Konstitution hat, laut Peter Sloterdijk, einen Sinn, nämlich jenen eines Wachstums.

Alles beginnt mikrosphärisch (die Mutter-Fetus_Symbiose), wächst makrosphärisch weiter (der Nationalstaat) und endet polysphärisch (der Markt, die Medienwelt, die Globalisierung). „Tatsächlich“, sagt Peter Sloterdijk, „ist alle Geschichte, die Geschichte der auf Ausdehnung der Sphäre abzielenden Kämpfe.”

Aber wie kommt man an der Einverleibung des Fetus in den Bauch der Mutter vorbei, hin zum Von-Angesicht-zu-Angesicht-der-Seele-mit-Gott, von der einen „Sphäre“ in eine andere, einer größeren?

Peter Sloterdijk hütet sich wohl, es mitzuteilen.

Die Analogie ist vorausgesetzt, aber nicht erklärt; der Ausdruck „Transposition“ reicht [sozusagen eine Art von „Beamen“ demnach]. Ein Künstler braucht sich nicht zu rechtfertigen …

Den Bauch der Mutter, den Fetus und die Plazenta und die Welt der Kommunikation zu assoziieren und zugleich mit dem Begriff „Sphäre“ zu belegen, das ist ohne Zweifel eine sehr weite Dehnung des Sinns von Metapher.

Zu sagen, daß die Nation ein „Uterus“ sei, heißt, diesen bildlichen Ausdruck weiter auszudehnen als es vernünftig ist. Die Völker nicht als Nation [also nicht als bewußt geformte politische Gemeinschaft], wären sie ohne „Uterus“?

Reicht es etwa, wie Peter Sloterdijk es tut in [seiner im August des Jahres 2000 in Weimar gehaltenen Rede, die als Buch erschienen ist Ende jenen Jahres]: Über die Verbesserung der guten Nachricht, Nietzsches fünftes ‚Evangelium‘, Nietzsche „Designer“ oder „Sponsor“ zu nennen, um Modernität zu denken?

Nietzsche hatte in den Bergen der Schweiz das Klima gefunden, das ihn von der Lastigkeit des Bismarck‘ Deutschland befreite.

In Indien fand Peter Sloterdijk in der Sekte des Betrugsgurus Bhagwan Shree Rajneesh, besser bekannt unter dem Namen (als selbstverkündeter) „reinkarnierter Buddha mit den 92 Rolls Royce“ – von dem Sloterdijk ohne zu lachen sagte, daß er der „Wittgenstein der Religionen“ sei – zwischen Hanf und Gruppensex, das Klima, das ihn von der Lastigkeit Deutschlands der Nachkriegszeit befreite.

Allerdings war für ihn diese Schwere der Nachkriegszeit weniger jene der weiter zerstörerisch wirkenden Spuren des nazistischen Nachlasses, als jene der folgenden politisch-moralischen Reaktion auf diesen „Nachlaß“.

Und genauso wie Nietzsche Luther beschuldigte, durch seine Reform ein in Dekadenz liegendes Christentum reaktiviert zu haben [vgl. Der Antichrist. Fluch auf das Christenthumdies der Titel, den Nietzsche selbst als gültigen gewählt hatte gegen Ende des Jahres 1888], so wirft Peter Sloterdijk dem Nazismus vor, durch seinen Schrecken einen Humanismus reaktiviert zu haben, der seinem gerechten Tod entgegenging.

Daher seine Verachtung für „all die kleinen Reanimationen des Humanismus, die man seither erlebt hat“ und für den „Fundamentalismus der Jahre nach 1945“.

Ganz so, als sei dem Menschengeschlecht mit der Schaffung der UNO 1945 und der Deklaration der Allgemeinen Menschenrechte 1948 etwas geschehen, das nicht schlimmer sein konnte!

[Man müßte nämlich deren Instrumentalisierung {durch die Machteliten der Welt} zwar geißeln, nicht aber deren Schaffung als {ein} Ausdruck der „kleinen Reanimationen des Humanismus“ – Herr Sloterdijk!]

Die Abschiebung, außerhalb der Gewohnheiten des humanistischen Scheins, ist die logische Hauptaufgabe unserer Zeit und man entkommt ihr nicht, indem man in den guten Willen flüchtet.

[Man kann dies auch als „Rede“ zur Legitimierung der Barbarei werten.]

Der Philosoph Peter Sloterdijk, man hat es verstanden, ist entschieden antihumanistisch. In seinem Geist existiert das „Lebewesen Mensch“ nicht, der „Mensch“ ist eine Fiktion, was bedeutet, daß er produziert worden ist, daß er Produkt ist und, folglich, zu produzieren bleibt.

Nun, was macht ein Philosoph, wenn er den Menschen nicht mehr über seine Anstrengungen definiert, sein Nichts über allgemeine Werte hinter sich zu lassen? Er wendet sich dem Körper oder der Technik, dem Organischen oder dem Mechanischen zu, mitunter beidem gleichzeitig. Nicht an die politischen Revolutionen glaubend, setzt Peter Sloterdijk seine Hoffnungen auf die technischen und „intelligenzialen“  Revolutionen.

Ohne Zweifel sind wir zu inert für eine echte Revolution. Die Maschinen, sie kennen eine endlose Evolution.

Wie alle Spieler ist Peter Sloterdijk pragmatisch:

In seinen Augen verdient nichts bewahrt zu sein am wirklichen Menschen.

Diesbezüglich ist der regelrechte Abscheu vor der Bildung charakteristisch, der sämtliche seiner Texte durchzieht und der seine Faszination für die psychologische Manipulation in den Blick bringt, daher sein gleichgewichtiges Interesse für den Magnetismus Mesmers und seinen begeisterten Aufenthalt in Indien.

Es gibt im übrigen einen hartnäckig zum Nachdenken anregenden Stoff:

Jedes Mißtrauen bezüglich der Bildung (die mit Platon beginnt) ist üblich im Namen einer Manipulation und einer Symbiose – andernfalls entfremdend wirkend für die Gemüter  …

Jedenfalls legt Peter Sloterdijk mehr Wert auf einen religiösen Mythos als auf ein wissenschaftliches Gesetz, denn es ist weder die Freiheit noch die Wahrheit (er glaubt nicht daran), die ihn interessieren, sondern die Intensität der erlebten Erfahrung.

Übrigens ist der Prozeß, den Peter Sloterdijk gegen die Aufklärung anhängig macht, keineswegs neu; er geht auf die Kritische Theorie Adornos zurück.

Man kennt die Entscheidungsgründe:

Da die Barbarei nun einmal stattgefunden hat (der Krieg, die Vernichtung von Menschen und die Zerstörung der Kultur): hat sie [in der Streitfrage] obsiegt, verbietet sie uns auf immer, an den Fortschritt zu glauben.

Dieser Diagnose, die man eine verzweifelte nennen kann, (alles in allem: Hitler hat nicht den Krieg gewonnen und es ist nicht die Gesamtheit des Menschengeschlechtes, die an der „Endlösung“ teilgenommen hat),

fügt Peter Sloterdijk die Nietzsche‘ Idee an:

Der Mensch verdient nicht mehr, daß man ihn verteidigt, noch daß man an ihn glaubt.

Nietzsche nannte die vom Übermenschen am weitesten entfernte Person

„letzter Mensch“,

den er nach seinen Vorstellungen den Menschen nannte, der seiner Potenz verlustig geht und sich nur noch nach dürftigem Glücke sehnt.

Peter Sloterdijk ist davon überzeugt, daß heutzutage die europäische Welt diejenige der „letzten Menschen“, der Konsumenten wäre, gerade noch ausreichend lebendig, um am Samstagnachmittag den Einkaufswagen zu füllen und daß diese Welt in Kürze dem Untergang geweiht sei.

Aber kann man von einen Denken erwarten (und fürchten), daß es seine „Liebe zum Lebendigen“ verkündete, basierte es auf einem entschiedenen, bis zur Menschenfeindlichkeit gehenden Antihumanismus?

Die Gefahr besteht, denn es gibt tatsächlich eine nietzscheeske Kritik der Politik (zum Beispiel eine prämonitorische [hier im Sinne von „prophetischer“] Analyse des Nationalismus aus einem bloßem Groll heraus), im Gegensatz dazu aber könnte von einer nietzscheesken Politik keine Rede sein, da die Politik ja nur durch menschenverbindendes Denken funktioniert – in der Verwaltung gemeinsamer Fähigkeiten.

Für Nietzsche ist es wohl keine Frage, die allgemeine Macht im Rahmen eines Staates zu verwalten, und so haben die Nazis Nietzsche zwar eine Sinnwidrigkeit auferlegt, aber es ist deutlich zu konstatieren, daß diese Sinnwidrigkeit von der politischen Ebene selbst ableitbar ist.

Der französische Philosoph Michel Foucault war beherrscht von dem Anormalen; Peter Sloterdijk ist es von der Monstrosität (sein bevorzugter Ausdruck).

Nietzsche, der darin ein Zeichen von Immoralität sah, sprach von der Magie des Extremen.

Ebenso Peter Sloterdijk, er flieht alles, was in der Mitte kampiert und findet sein Vergnügen in einem Radikalismus, den er für jenen der heutigen Welt hält.

Es ist, sagt er mit einer von Sartre gebrauchten Redewendung, weder unser Verschulden noch unser Verdienst, wenn wir in einer Epoche leben, in der die Apokalypse des Menschen etwas Alltägliches ist.

Das Vorhaben, die Sehnsucht, die Versuchung des Philosophen ist solche:

Ein Denken zu begründen, das auf der Höhe dieser Monstrosität sei.

Nur die größte Unverschämtheit findet noch die Wörter, um von der Wirklichkeit zu sprechen.

Bloß die anarchische Enthemmung findet noch einen Ausdruck für die zeitgenössische Normalität, schreibt in diesem Sinne Sloterdijk auf den letzten Seiten seiner Kritik der zynischen Vernunft.

Für Peter Sloterdijk gibt es zwei Typen von Menschen: die Funktionäre und die Künstler. Er versteht sich als Künstler, man wird es erraten haben.

Fasziniert von der Methode Hahnemanns, diesem deutschen Arzt und Erfinder der Homöopathie, der sich erst die Produkte selbst verabreichte, bevor er sie seinen Patienten gab, ist Peter Sloterdijk im Montaigne‘ Sinne ein Tester:

Er experimentiert zuerst an sich selbst mit einer gewissen Menge von Gedachtem, dann an anderen, und schätzt seine ausgelösten Wirkungen ab.

Die Gefahr und das Mißverständnis liegen darin, daß man sie sogleich als Thesen begreift.

Spontan lesen wir die Bücher von Philosophen gleichen Niveaus, als hätten sie uns die „Wahrheit“ der Dinge enthüllt.

 Wir sollten sie hingegen eher so lesen, wie wir Musik hören, denn wir hören ein Chanson nicht mit demselben Ohr wie eine Symphonie.

Das heißt, die biologische und antihumanistische Anthropologie Peter Sloterdijks verdient es kritisch diskutiert zu sein. Da gibt es nichts mehr von der Geschichte, noch von der Soziologie zu erwarten, legt uns der Autor seiner Sphären nahe. Aber diese Philosophie vernietet sich mit dem Organischen und verknüpft sich mit allen Versuchungen des Pathetischen (die Bebilderungen, die die Werke Peter Sloterdijks zieren, weisen die gleichen Merkmale einer Schock-Strategie auf wie die Reklame-Nachrichten), sollte sie schließlich eine Philosophie aus dem Bauch sein?

Peter Sloterdijk bewegt sich zwischen Gruppentherapie und „spirituellem“ Experiment.

Man kann mutmaßen, daß das, was ihn in diese so falsche „Philosophie“ gezogen hat, eine Beschimpfung fürs Denken wird, und das, worauf sich seine Schriften, nicht ohne Vorsicht, nicht direkt beziehen, ist sowohl das in Parenthese gesetzte Radikale des Egos als auch seine gleichzeitige Schwärmerei.

In Wirklichkeit, wie all jene, und sie sind Legion in unseren Tagen, die der Zynismus vor allem anderen in seinen Bann schlägt, interessiert sich Peter Sloterdijk nur für sich selbst: die Wirklichkeit der physischen Dinge und die Gerechtigkeit des menschlichen Tuns sind für ihn von unendlich geringerer Bedeutung als die Auswirkungen, die ein Gedachtes in ihm und in anderen hervorrufen kann.

Es gibt einen seltsamen Mélange aus pathetischem Narzißmus und Abscheu vor sich selbst in diesem Menschen, der sich beim Schreiben so betrachtet wie andere sich beim Sprechen zuhören.

Es gibt in Peter Sloterdijk, diesem große Zampano der gegenwärtigen Philosophie, auch etwas von einem Gaukler:

Die mit der Kraft des Oberkörpers gesprengten Ketten waren vielleicht doch nicht so fest und, wie im Kino, der größere Teil der mit heftigem Schulterstoß eingedrückten Türen war schon offen.

Daß der Mensch nicht allein sei, daß er sowohl eines anderen und einer Umgebung bedürfe, wie in Blasen gesagt und wiederholt wird, dieses ist seit langer Zeit bekannt und es ist gar nicht notwendig die universelle Kultur zu bemühen, um sich davon zu überzeugen.

Aber da gibt es auch eine gewisse Komik in der Affirmation der „Bekräftigung des Inzestverbots durch Lacan“

[Jacques Lacan, 1901-1981, u.a. Freud interpretierender Psychoanalytiker: das „Inzestverbot“ soll dienen der Hinwendung des Kindes auf die soziale Umwelt, um auf diese Weise die naturgegebene Fixierung auf die Mutter zu lösen],

was die Abhängigkeit von seinem Katholizismus zeigt, und auch etwas Besorgniserregendes in dem Dilettantismus gewisser Bezugnahmen und Anspielungen.

Peter Sloterdijk ist ein Ästhet, was in erster Linie bedeutet, daß für ihn die Singularität immer größeren Wert hat als das Universelle und, folglich, daß der zukünftige Effekt wichtiger ist als die momentane Realität.

Der Zynismus ist die Ablehnung des Gemeinsamen, wie dieses Wort „Gemeinsames“ in einem gewissen Sinne [als „Masse“ nämlich] zu vernehmen ist.

In der Peter Sloterdijk’ trostlosen Welt existiert nichts außer Gott und daß der Mensch nicht zu existieren habe. Die Natur ist nicht mehr vorhanden.

Schon die Kritik der zynischen Vernunft kündigte vor zwanzig Jahren deutlich das Programm der Desillusionierung an:

Die Aussöhnung des Bürgers mit seinem Staat, die Sicherung des Friedens, die Lebensqualität, das Bewußtsein der Verantwortlichen, der Schutz der Umwelt – all das ist nicht gerade überzeugend. Man kann dessen Ende erwarten. Im Hintergrund erwartet der Zynismus, daß das Palavern ein Ende habe und daß die Dinge ihren Lauf nehmen.

Peter Sloterdijk ist ein Denker des Endzeitlichen, des Überschreitens. Möge die Welt zugrunde gehen, und die Menschheit mit ihr, bliebe nur ein einziger Augenblick des Glücksgefühls, solcher Art ist das Denken des Ästheten, der die Welt auf die winzige Mündung seines Shiloms reduziert.

Die Kritik der zynischen Vernunft, die sich wie eine Geschichte des Vorbeiziehenlassens der Philosophie präsentiert, ginge auf in der Lyrik des Flashs.

Nur, es gibt keinen Grund zu erwarten, daß heute alle Leser diesen Enthusiasmus teilen.

© Christian Godin bezüglich des originalen Artikels: Sloterdijk est-il un penseur aussi important qu'on le dit ?, der am 3. Juni 2002 in Druckausgabe der franz. Wochenzeitschrift Marianne erschienen ist.
© Joachim Endemann bezüglich dieser Übertragung ins Deutsche.