« Ihre Regierung beschämt mich » : Der Drehbuchautor der « Vieux Fourneaux » verzichtet auf den « Orden für Kunst und Literatur »

„Wilfrid Lupano, Drehbuchautor des erfolgreichen Comic-Strips ‚Les Vieux Fourneaux‘ [__’Die alten Knacker’__],“

veröffentlichte am Montagabend auf Facebook einen offenen Brief an den Kulturminister und erklärte, warum es für ihn nicht in Frage kommt, den Ordre des Arts et des Lettres von einem Vertreter der amtierenden Regierung entgegenzunehmen.

„Ich danke Ihnen für diese zuvorkommende Aufmerksamkeit, aber ich fürchte, ich muß diese „Ehre“ ablehnen“, schreibt er. „Spontan gesagt, war ich von Orden noch nie sehr begeistert. Pierre Desproges sagte: ‘Dekorationen sind die Libido der älteren Menschen’. Ich denke, daß ich noch nicht so weit bin. Es gibt jedoch einige Auszeichnungen, die viel angenehmer sind als andere, wobei diese alle den Nachteil haben, Herr Minister, von einem politischen Vertreter überreicht zu werden.“

Wie die Komikerin Blanche Gardin, die Anfang April dieses Angebot aus politischen Gründen abgelehnt hatte, beschreibt Wilfrid Lupano in seinem Schreiben alle Differenzen mit der Politik der Regierung in den letzten zwei Jahren.

„Wie kann ich die geringste Auszeichnung von einer Regierung akzeptieren, die mich in jeder Hinsicht beschämt?“

„Les vieux fourneaux“ erzählt die Geschichte einer Gruppe von drei Spaßvögeln und Protestlern, die unentwegt über neoliberale Politik motzen und ihr Alter dazu nutzen, köstliche „geriatrische Anschläge“ zu verüben. Die fünf Alben verkauften sich mehrere hunderttausend Mal und die Serie wurde mit Pierre Richard und Eddy Mitchell verfilmt.

Der von Paul Cauuet entworfene Comic-Strip stammt von Wilfrid Lupano, der aus seinen anarchistischen Überzeugungen nie ein Geheimnis gemacht hat. Insbesondere unterstützte er die Aktivisten von Notre-Dame-des-Landes ZAD, die er mehrmals besuchte. Auf welchen verschlungenen Pfaden Franck Riester [__französischer Kulturminister__] und seine Berater dazu gekommen sind, einen so tatkräftigen Mann zu schmücken? Von „L’Obs“ kontaktiert, erklärt Lupano, daß er keine Ahnung habe, um dann doch murmelnd hinzuzufügen: „Es ist wohl naheliegend anzunehmen, daß sie meine Bücher nicht gelesen haben.“

In seinem Schreiben an den Minister bezieht sich Lupano insbesondere auf die Abschaffung des ISF [__l’impôt de solidarité sur la fortune, „Vermögenssteuer“__], die Schwächung der gemeinwohlorientierten Dienste, den Abbau von Fördermitteln für Verbände, aber auch auf die Zuwanderungspolitik und die Umweltpolitik. Wir geben unten den vollständigen Text seines Textes wieder.


Antwortschreiben von Wilfrid Lupano an den Kulturminister.

Herr Minister,

zu meiner großen Überraschung haben Sie mir letzte Woche einen Brief zugesandt, um mir mitzuteilen, daß Sie mir den Titel Chevalier des Arts et des Lettres verleihen würden.

Ich danke Ihnen für diese freundliche Aufmerksamkeit, aber ich fürchte, ich muß diese „Ehre“ ablehnen. Spontan gesagt, war ich von Orden noch nie sehr begeistert. Pierre Desproges sagte: „Dekorationen sind die Libido der älteren Menschen“. Ich denke, daß ich noch nicht so weit bin. Es gibt allerdings einige Auszeichnungen, die viel angenehmer sind als andere, wobei diese alle den Nachteil haben, Herr Minister, von einem politischen Vertreter überreicht zu werden. Aber wie kann ich die geringste Auszeichnung von einer Regierung akzeptieren, die mich in jeder Hinsicht beschämt?

Denn ja, es ist tatsächlich eine Schande.

Ich schäme mich für das, was Ihre Regierung mit gemeinwohlorientierten Diensten macht, im Namen der dummen Verweigerung, das Großkapital und die Reichen die Steuern zahlen zu lassen, die sie zahlen müssen. „Es gibt kein Zaubergeld“, hat Ihr Chef betont. Auf der anderen Seite gibt es aber auch zulässiges Geld, das Herr Macron sich weigert einzufordern, um diejenigen, die seine Wahlkampagne finanziert haben, nicht zu verärgern.

Ich schäme mich, zu hören, daß Herr Castaner, wie er es kürzlich getan hat, darüber empört ist, daß man ein Krankenhaus „angreifen“ kann, obwohl es Ihre Regierung ist, die das Gesundheitswesen am meisten schädigt, und nicht drei Gilets Jaunes, die sich an der falschen Stelle zu verstecken suchen. Ich schäme mich für diese Regierung, die durch die Abschaffung der Vermögenssteuer die Mittel jener Verbände halbiert hat, die sich, an Stelle des Staates, um die Schwächsten, die Ärmsten, die Vernachlässigten kümmern.

Ich schäme mich, wenn Ihre Regierung sich weigert, das [__Rettungsschiff__] Aquarius und seine 160 um Hilfe flehenden Flüchtlinge aufzunehmen und noch mehr, wenn Herr Castaner NGOs beschuldigt, sie seien „Mittäter“ von Schmugglern, obwohl diese unter allen Umständen Menschenleben zu retten versuchen.

Ich schäme mich, wenn ich sehe, wie die Polizei die Aktivisten der Generation Identitaire nach ihre PR-Aktion am Paß von Briançon „begleitet“, um sie vor Aktivisten zu „schützen“, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzen. Einige von ihnen wurden verhaftet, während alle Mitglieder von Generation Identitaire nach Hause gingen, um ihren PR-Gag zu feiern.

Ich schäme mich für Ihre unwürdige Flüchtlingspolitik, insbesondere von Minderjährigen ohne Begleitung. Die Regierung, der Sie angehören, hat das Tempo der Abschiebungen beschleunigt und dafür gestimmt, die Haftzeit für Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung auf 90 Tage zu verlängern. Folglich ab ins Gefängnis für Menschen, die kein Verbrechen begangen haben, Männer, Frauen, Kinder, Neugeborene. Gleichzeitig bleiben Präfekten im Amt, die mehrfach wegen Nichteinhaltung des Asylrechts verurteilt wurden.

Aus wahltaktischen Gründen tritt die Regierung, zu der Sie gehören, alle philosophischen und moralischen Prinzipien, die die Grundlage für die Verfassung und Geschichte dieses Landes sind, mit Füßen und vergißt demnach die Bedeutung der Geschichte. Seien Sie sicher, daß sich der Geschichtsprozeß daran erinnern wird.

Ich schäme mich für die Unfähigkeit dieser Regierung, die ökologische Dringlichkeit im Auge zu behalten, die das einzige Thema ihrer Aufmerksamkeit sein sollte. Von den Maßnahmen mit Alibifunktion abgesehen, ist in den letzten zwei Jahren nichts den Herausforderungen unserer Zeit angemessen, weder bei der Entwicklung von Bioprodukten noch beim Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe, der Entwicklung erneuerbarer Energien oder der Tierhaltung. Ihre Regierung bleibt der zuverlässige Ansprechpartner für Lobbyisten der Agrar- und Lebensmittelindustrie, Forschungseinrichtungen, Waffenhändler …

Herr Minister, ich schäme mich für eine solche schlechte Regierung (__die schlechteste in der Geschichte der fünften Republik__), die jetzt nur noch von ihrer ultra-gewalttätigen Polizei gehalten wird.

Ich schäme mich, seit Monaten überall in Frankreich zu sehen, wie Augen platzen, unter den Schlägen der Polizei Hände abgerissen werden oder Gesichter aufplatzen, von Notre Dame des Landes bis zu den Champs-Elysées, in Toulouse, Biarritz, Nantes. Die ganze Welt ist beunruhigt über das sicherheitspolitische Abdriften Ihrer Regierung, den Mißbrauch von Kriegswaffen zur Aufrechterhaltung der Ordnung, Sie aber denken, alles läuft gut.

Ich denke an Maxime Peugeot, 21 Jahre alt, und seine Hand, die von einer Granate auf einem Feld von Notre Dame des Landes abgerissen wurde. Was könnte die Sicherheit Frankreichs so sehr gefährden, daß man auf jener Rinderfarm in der bretonischen Landschaft zu solcher Gewalt greifen müßte? 2500 Gendarmen, eine millionenteure Kriegsoperation, durchgeführt, etwa dreißig Holzhütten zu zerstören (__“es gibt kein Zaubergeld“__), um etwa zehn Menschen zu vertreiben … Ich denke an Lola Villabriga, 19 Jahre alt, durch nichts gerechtfertigt, in Biarritz von einem Flashball entstellt, die jetzt mit Stahlplatten im Kiefer lebt, während dies ihre erste Demonstration war. Ich nenne zwei Namen, aber Sie wissen wahrscheinlich, daß es jetzt Hunderte von ihnen gibt. Bei Interesse lesen Sie bitte die Arbeit von David Dufresne.

Sie sehen, dass wir politisch wenig gemeinsam haben. Und in einer Welt, in der kulturelle Auszeichnungen von der kulturellen Community selbst, ohne politische Intervention, vorgenommen würden, hätte ich sie mit Ehre und Freude angenommen. Aber es gibt keine politische Handlung, die dermaßen symbolträchtig wäre, und ich weiß bereits, daß ich mich, wenn ich eines Tages das fortgeschrittene Alter erreiche, in dem die Menschen ihr Lametta zeigen, nicht gern daran erinnerte, daß es mir vom Vertreter einer Regierung gegeben wurde, deren Sturz und Schande ich mir so sehr wünschen würde.

Ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen Tag,

Wilfrid Lupano

_ Quelle _
Übertragung aus dem Französischen von Joachim Endemann