Gilets Jaunes: « Der Bewegung geht nicht die Puste aus, sie transformiert sich ».

Ein von Sylvain Morvan mit Brigitte Sebbah geführtes Interview
Quelle.

Für Brigitte Sebbah, Forscherin an der Paul-Sabatier-Universität in Toulouse, ist die am 17. November begonnene Mobilisierung immer noch stark. Ihre Forschung auf der Grundlage von Daten, die in sozialen Netzwerken gesammelt wurden, zeigt im Gegenteil, daß „sich die Gilets Jaunes weiterhin austauschen, daß sie [__Beiträge__] teilen und sich politisieren“.

Brigitte Sebbah ist Forscherin am LERASS (__Laboratoire d’études et de recherches appliquées en sciences sociales / Institut für Sozialwissenschaftliche Studien und angewandte Sozialforschung__), das an der Universität Toulouse Paul Sabatier angesiedelt ist. Auf der Grundlage einer großen Menge von in sozialen Netzwerken gesammelten Daten, analysiert sie die Gilets-Jaunes-Bewegung mit anderen Toulouser Forschern wie Natacha Souillard, Lucie Loubères, Julie Renard, Laurent Thiong-Kay und Nikos Smyrnaios.

Geht der Gilets-Jaunes-Bewegung wirklich die Luft aus, wie viele Medienberichte sagen?

Es gibt weniger Leute, die zu Demonstrationen gehen. Die Polizeigewalt hat den Umfang der Samstags-Mobilisierungen eingeschränkt. Unsere Analysen der sozialen Netzwerke zeigen aber, daß der Bewegung die Kraft nicht ausgeht. Die Anzahl der Posts nimmt nicht ab. Von Anfang an spielten soziale Netzwerke eine wichtige Rolle, damit sich die Gilets Jaunes an Plätzen für Aktionen treffen konnten. Die von Facebook im Januar 2018 eingeführte Änderung des Algorithmus, die zum Nachteil der Medien die Beziehungen zwischen Internetnutzern und -gruppen begünstigte, spielte eine wichtige Rolle: Diese neue vernetzte Schlagkraft prägte die Bewegung. Seitdem haben diese Netzwerke zur Entstehung von politischen und medienwirksamen Gegenargumenten, aber auch zu einer starken und oft unterschätzten Verbundenheit zwischen den Teilnehmern geführt. Diese Verbundenheit schrumpft nicht: In sozialen Netzwerken tauschen, teilen und politisieren sich Gilets Jaunes weiter.

Heute ist die Dynamik der [__Bewegung und ihrer verschiedenen__] Einheiten nach wie vor enorm und die Gilets Jaunes denken über neue Aktionsmöglichkeiten wie beispielsweise das von-Tür-zu-Tür-Gehen nach. Sie wissen, daß sie von der medialen Agenda verschwunden sind oder daß die Demonstrationen nur unter dem Aspekt der Gewalt angeschnitten werden. Hingegen sind die Kreisverkehre in ganz Frankreich nach wie vor stark frequentiert, was von der Presse zunehmend wahrgenommen wird. Der Bewegung geht nicht die Puste aus, sie transformiert sich.

Auf Telegram und Facebook organisieren die Gilets Jaunes ihre politische Öffentlichkeitsarbeit. Die Fragen, die sie antreiben, sind nicht mehr die der Forderungen oder ob sie Vertreter haben sollten oder nicht: Diese Debatten sind schon seit langem entschieden. In sozialen Netzwerken gibt es eine gemeinsame Gesprächsführung, die das Auftreten von Wortführern verhindert. Die Frage, die sich heute stellt, ist: Wie kann man die bisher nicht mobilisierten Franzosen erreichen und die Bewegung nachhaltig gestalten? In diesem Punkt gibt den Gilets Jaunes ihre Streuung im ganzen Land eine enorme Ausstrahlung. […]

Sind Lokalthemen für Gilets Jaunes von Interesse?

Sie sind gegenüber lokalen Problemen keineswegs gleichgültig. In Toulouse wurde die Frage der Privatisierung des Flughafens von den Gilets Jaunes sehr intensiv diskutiert und auf Telegram und Facebook verbreitet. Ebenso wie die Kontroverse um Grünflächen, die in der Großstadt Toulouse illegal mit Pestiziden behandelt werden. Sie verfolgen und teilen lokale politische Nachrichten, auch wenn diese nach wie vor von überregionalen Nachrichten dominiert werden, insbesondere von der Benalla-Affäre, die im Mittelpunkt aller Diskussionen steht. Sie wollen nicht Wahllisten mit Vertretern auf lokaler Ebene erstellen, sondern den politischen und institutionellen Bereich grundlegend verändern.

Sie haben Tausende von Gilets-Jaunes-Beiträgen in sozialen Netzwerken analysiert. Ihre Arbeit zeigt, daß die Analyse dieser Mobilisierung in Medien weitgehend falsch war. Während Medien diese Bewegung oft als antiökologisch und mitunter als rassistisch dargestellt haben, haben Sie im Gegensatz dazu, „das wachsende und bejahende Verfechten einer Citoyenneté“

[__einer staatsbürgerlichen
Verantwortung__]

beobachtet. Wie ist ein solches Versagen einiger Medien zu erklären?

Die Gilets Jaunes sind nicht mit den Etiketten identisch, die man ihnen aufgeklebt hat. Die Medien sahen die Gilets Jaunes zunächst als eine auf Interessenkonflikt ausgerichtete Bewegung, die sich aus Menschen zusammensetzt, die der natürlichen Umwelt gegenüber gleichgültig sind, die nur weniger an der Zapfsäule bezahlen wollen. Sie sind jedoch der natürlichen Umwelt gegenüber alles andere als gleichgültig. Ebensowenig verfügen sie über dieses Raster der üblichen Lesart von Ereignissen, die man ihnen zuschreiben wollte. Sie brandmarken keine „Einwanderer“ oder „hilfsbedürftige“ Menschen. Sie wollen Menschen, die über ortsübliche Besonderheiten hinausblicken und stellen sich sogar die Frage nach mehr Internationalisierung der Bewegung. Es handelt sich nicht um die Revolte derer, die nichts haben, sondern um die Revolte jener Bürger, die davon überzeugt sind, daß der Platz, den man ihnen einräumt, unzureichend ist.

Die Medien wußten nicht, wie sie sich der sprecherlosen Bewegung nähern sollten. Um die Bewegung zu verstehen, war es notwendig vor Ort zu gehen, zum Kreisverkehr, aber auch soziale Netzwerke zu erforschen und all dies zusammenzufassen, was für Journalisten schwierig macht, ihre Arbeit zu tun. Darüber hinaus ist es interessant zu sehen, daß die Studie, die von Wissenschaftlern aus Bordeaux durchgeführt wurde und die auf zahlreichen Interviews mit Gilets Jaunes basiert, die Ergebnisse bestätigt, die wir durch die Analyse sozialer Netzwerke gewonnen haben.


Zusätzlich abgesichert wird das über eine
als zuverlässig anzusehende Umfrage:

Kollektives Stimmungsbild im Westen des
orwellianischen EU-Imperiums des Friedens
“.


Es sei jedoch darauf hingewiesen, daß die lokale Presse die Bewegung umfassender thematisiert hat als die landesweiten Medien. Sie befand sich in einer besseren Position, um mit einer über das ganze Land verstreuten Bewegung umzugehen, sich zum Kreisverkehr zu begeben, wo Journalisten manchmal schon ihre Gesprächspartner kannten.

Und andererseits,
wie sehen die Gilets Jaunes die Medien?

Eine Infragestellung des journalistischen Auftrags gibt es nicht. Er wird sogar gewürdigt, zumal einige Medien wie Mediapart bei ihnen Anklang finden. Ihre Kritik konzentriert sich auf die Strukturen, nicht aber auf die Journalisten. Sie verurteilen damit die Absprachen, die die Medien mit Regierungen und Industriellen treffen. Sie fühlen sich im Fernsehen geringschätzig und verurteilen die Behauptung, daß die Bewegung auf Gewalt und nicht auf Proteste gerichtet sei. Wegen ihrer Verbindungen zu den Behörden wird mitunter auch die lokale Presse in die Kritik mit einbezogen. Die unabhängigen Medien bleiben davon aber verschont. Die Gilets Jaunes würdigen diese Medien als Gegenmacht.

Man wollte, daß sie wie eine Bewegung unter russischem Einfluß aussehen, wie ein Anhängsel von Webseiten wie RT oder Sputnik. Das stimmt nicht! Diese Medien spielen in den Debatten der Gilets Jaunes eine sehr geringe Rolle. Wir analysierten Kommentare und Beiträge, die an fünf Tagen von mehr als 20.000 verschiedenen Postern auf der öffentlichen Facebook-Gruppenseite « La France en colère!!! » abgegeben wurden. Ergebnis: Sputnik erscheint 22-mal in 108.000 analysierten Texten und RT France 86-mal. Es liegt auf der Hand, daß diese Medien nicht im Mittelpunkt der Debatten der Gilets Jaunes stehen.

Und wie sieht es mit der Haltung der Gilets Jaunes der Polizei gegenüber aus?

Es gibt keinen Haß auf Polizisten, wie es auch keinen Haß auf Journalisten gibt. Tatsächlich gibt es bei der Analyse von Gruppen der Gilets Jaunes in sozialen Netzwerken viele Hinweise auf geleistete Hilfe für verletzte Polizisten. Über die Polizisten sprechen sie nicht eindeutig, so können sie ihnen Komplizenschaft mit den Behörden vorwerfen, aber sie wollen sie auch dazu bewegen, sich ihnen anzuschließen, denn sie sagen sich: „Das sind Menschen wie wir“.

Quelle:

« Le mouvement ne s’essouffle pas, il se transforme ».


Übertragung: Joachim Endemann