Endpunkt einer traditionellen Störung der Wahrnehmung

Wer das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum EZB-Anleihenaufkaufprogramm (_PSPP: „Public Sector Purchase Programme“_) isoliert be_trachtet, und dementsprechend be_urteilt, wird zu falschen Schlußfolgerungen ver_leitet. Denn dieses Urteil ist lediglich Endpunkt einer traditionellen Wahrnehmungsstörung der deutschen Machtelite und ihrer Satelliten in Politik, spin_doktorischer Wissenschaft, Medien_Konzernen und Kulturbetrieb. Gefährlich daran ist, u.a., daß sie so eine ganze Bevölkerung in die falsche Richtung mitzuziehen sucht. Was ihr deshalb gelingen mag, da diese traditionelle Wahrnehmungsstörung eine kollektive ist und ihr dabei ihre Satelliten traditionell dienlich sind.


(_Tatsache ist übrigens,
daß es lediglich _einen_ Grund gibt,
wieso die staatliche Seite einer Gesellschaft
über das Gewaltmonopol in dieser verfügen soll._)


Diese Wahrnehmungsstörung ist Ausdruck einer Mentalitätsprägung, die ihre Wurzeln in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts findet.[1] Den dadurch ausgelösten gesellschaftspolitischen Prozeß nenne ich „Preußisierung der Deutschen“.[2] Diese Preußisierung wurde mit der Nationalstaatsgründung von 1871 gesellschaftspolitisch _bedingt_ bestimmend.


„Bedingt“ deshalb, da ein solcher „preußischer Staatsgürtel“
nur schlecht zu einem an sich plural angelegten Volk paßt.

Ist es wirklich so schwer,
sich die Konsequenzen vorzustellen?


Das, also, daß ein „preußischer Staatsgürtel“ nur schlecht zu einem an sich plural angelegten Volk paßt, wurde zwar später unübersehbar, blieb aber

„d a n a c h“

dennoch latent präsent. Die damit einhergehende Ideologisierung des Denkens und Fühlens der Deutschen kann man jedenfalls als „Wilhelminismus“ bezeichnen.

Diese Mentalität, die daraus resultierende Wahrnehmungsstörung und die damit einhergehende Ideologie, blieben während des Kalten Krieges verdeckt. Seit dem Ende des Kalten Krieges tritt dieser „Identitätskomplex“ wieder hervor.


Dieser „Identitätskomplex“, der sich bspw. darin ausdrückt, daß man in Deutschland mindestens alle zehn Jahre einmal die Frage stellt: „Wer sind wir?“, kann als Ergebnis einer gescheiterten Identitätssuche bezeichnet werden, die, wie schon angedeutet, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte.

Das Ausmaß der Projektion gibt übrigens nicht nur darüber Auskunft, wie emotional versaut man selbst ist, sondern auch über den Illusionsgrad eigener emotionaler Sauberkeit, der genau dem tatsächlichen Grad emotionaler Verkommenheit entspricht. Es dürfte einleuchten, daß, zur Vermeidung ihres Gewahrwerdens, das stetige Projizieren notwendig ist, da ansonsten ein _Projektionist_ nicht funktionsfähig bliebe. Einerseits ist das einem Projektionisten glücklicherweise nicht bewußt, andererseits ist es ihm genau aus diesem Grund nicht möglich zu sich selbst zu kommen, denn wesentliche Elemente seiner selbst hat er ja weg_projiziert, so daß es nicht ratsam wäre, ließe man ihn allein — wollte er sich _tatsächlich_ die Frage stellen: „Wer bin ich?“. Demnach liegt es auf der Hand, daß das projektionistische Phänomen nicht kleiner, sondern gefährlich größer würde, stellten Projektionisten die Sinnfrage kollektiv: „Wer sind wir?“.

Quelle: [3]


Heutiger Ausdruck davon ist ein geupdateter Wilhelminismus,
den ich „Neowilhelmoliberalismus“ nenne.[4]

Daß das so ist, läßt sich an _der_ Politik gut erkennen, die seit dem Ende des Kalten Krieges von deutscher Seite praktiziert wird. Zutage trat das erstmals mit der deutschen Erpressung der anderen EG-Mitglieder: entweder ihr akzeptiert, daß wir eine eigenständige Jugoslawienpolitik betreiben, denn der Balkan ist unser „Hinterhof“, oder es gibt keinen Fortschritt in der Weiterentwicklung der EG zur EU und hin zu einer gemeinsamen Währung.[5] Der zweite Punkt war die Forderung nach Umsetzung der deutsch-ideologischen Vorstellungen von Geld- und Währungssystem für den Euro.

Die Zielrichtung beider Forderungen entspricht der, die es schon in beiden Teilen des großen Krieges des 20. Jahrhunderts als deutsche Kriegsziele gab: wirtschafts- und machtpolitisches Dominieren Europas.

Das Problem, das die deutsche Machtelite und ihre Satelliten immer hatten und haben ist jedoch: es mangelt an eigener Substanz, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, konstruktiv mit Macht umzugehen.[6] Das Ergebnis ist immer selbstschädigender Murks. — Und da das so ist, wüßte ich nicht, was daran noch zu entschuldigen, geschweige zu rechtfertigen wäre!

Im übrigen macht der politische Umgang des deutschen Establishments mit der SARS-CoV-2-Pandemie erneut exemplarisch deutlich, daß es nicht erst eines Ignorierens des Urteils des Bundesverfassungsgerichts durch die EZB bedürfte, daß die deutsche Seite ein Verhalten zeigt, daß typisch für ein aus ideologischer Verblendung handelndes Establishment ist, meinen seine geschlechtsunspezifischen Vertreter doch, daß alle anderen nach ihrer Pfeife tanzen müßten, obwohl doch ihre Melodie traditionell kakophonisch ist, nach der also überhaupt nicht getanzt werden kann.

Wer nun aber, nachdem wieder einmal der Murks unübersehbar ist, mit diesem deutschen Möchtegern-Hegemon die Eurozone, besser noch die EU, verlassen wollte, begäbe sich allerdings auf jenen deutschen Sonderweg, der nie etwas anderes als ein Holzweg war.


„Besser noch die EU verlassen“ deshalb,
da erst dann, wenn dieser Möchtegern-Hegemon
dieser Union nicht mehr angehörte,
ein „konstruktiver Neubau“ möglich werden könnte.
Was allerdings nur unter gewissen Voraussetzungen möglich wäre.

(_Ein gangbarer Weg ist hier skizziert._)


Was bleibt noch zu sagen?

Nun, denjenigen,
die mit in die Irre laufen wollen,
etwas nachzurufen:

Gute Weiterreise von der End_Station

_dieses_ „Fahrplans“ aus!



© Joachim Endemann (_EndemannVerlag_)


_1 Siehe in: «Ist der Monotheismus von seiner Anlage her ein elementarer Faktor der Gewalt?», das Kapitel 7: „Der lange Schatten des Kolonialismus’ oder Einige Fakten zur Geschichte der Menschen in Bhâratavarsha“, ab der Seite 436, beginnend mit „Vedânta bedeutet: ‘den Veden angehängte Schriften’“.

_2 Was unter „Preußisierung“ zu verstehen ist, findet sich u.a. erläutert in: «Sie fragen noch, wie die Verhältnisse liegen?», Aspekt 54: „Das orwellianische EU-Imperium des Friedens steht in vollem Widerspruch zu dem, das ‘europäisches Denken’ im positiven Sinne bedeutet“, siehe dazu ab der Seite 533, beginnend mit: „Denn dieser dialogische Disput ist durch einen dia_lytischen ersetzt worden …“. In diesem Zusammenhang könnte die in Aspekt 58: „Kleine Reflexion über das Nichtparadoxe selbst am paradox Erscheinenden der ‘preußisierten Postmoderne’“ „aufscheinende“ „Reflexion“ nicht uninteressant sein. Siehe in diesem Zusammenhang auch in: Die tri_logische Sezierung des lobbykratischen Zeitalters, Band III, Teilband 2, Vierter Teil: „Der Neowilhelmoliberalismus“, Lesung 16: „Die Ursprünge des Wilhelminismus’ und seine Konsequenzen“. Von den „Wurzeln“ des Wilhelminismus’, und was sich daraus bis heute entwickelt hat, siehe die Angaben in Fußnote 1.

_3 Die tri_logische Sezierung […], Band III: „Ich stimme nicht zu!“ Gesellschaftspolitische Lesungen über den Neowilhelmoliberalismus und seine Konsequenzen, Teilband 1, die Seiten 358 f.

_4 Siehe dazu: a.a.O., Band III: Teilbände 1 + 2.

_5 Siehe dazu: a.a.O., Band III, Teilband 2, Lesung 19: „Die Zerstörung des europäischen Einigungsprozesses durch Neoliberalismus und Neo_Wilhelminismus“, die Seiten 622-70, beginnend mit: „Exkursion: Exemplarische Beispiele kontraproduktiver Konsequenzen deutscher Machtpolitik“.

_6 Siehe dazu: a.a.O., die Seiten 609-12, beginnend mit: „Die traditionell fehlende eigene Substanz“.