Ein paar Reflexionen, ausgelöst durch den Titel und möglichen Inhalt eines Artikels von Jörg Bibow auf « Makroskop », den „Versailler Vertrag“ betreffend

Zur Zeit habe ich keinen Zugriff auf den Bibowschen Text:

« Die verschollenen Lehren des Versailler Vertrages ».

Allgemein kann ich aber sagen, daß die Annahme nicht zureichend sein kann, den „Versailler Vertrag“, als bloß einer der (__überhaupt schlechten__) „Pariser Vorortverträge“, als wesentlichen Grund für den zweiten Teil des großen Krieges des 20. Jahrhunderts zu verstehen, bzw. den Ursachen für den ersten großen imperialistischen Krieg

(__mit seinen zwei Teilen und einer Interimsphase__)

gerecht zu werden. Im übrigen war es nicht Keynes allein, der diesen schlechten Vertrag gegeißelt hat. Vor allem aber sind schon zu jener Zeit, als sich der erste Teil dieses imperialistischen Krieges ereignete, die Ursachen und die treibenden Elemente für diesen Krieg richtig analysiert worden, und zudem noch weit besser als selbst heute, denn was geschieht meist in der bürgerlichen Geschichtsschreibung? Gewisse Elemente werden abgedeckt, gewisse klein und andere groß gesetzt — in Abhängigkeit von der je dominierenden machtelitären Perspektive.

Man kann jedenfalls sagen,
daß es primär die europäischen Machteliten waren

(__jeder Staat hat seine,
gilt also auch für die irreführende Bezeichnung „Nationalstaat“
__),

die diesen Krieg verursacht hatten: deren Satelliten

(__Politiker, Intellektuelle, Journalisten__)

waren als erste kriegsbegeistert

… zuletzt die normalen Menschen,

als diese Satelliten über ihre Propaganda den normalen Menschen beigebracht hatten, daß sie ihr „Vaterland“

(__man spricht übrigens nie von „Mutterland“__)

verteidigen müßten; die normalen Menschen also glaubten,
sie müßten ihre Heimat verteidigen,

und alle anderen
brennenden Fragen vergessen,

da waren diese Menschen auf
allen Seiten schließlich bereit:

„hurra!“

zu schreien.

Allerdings ist gleich hinzuzufügen, daß es die deutsche Machtelite war, die am zielstrebigsten ihr Begehren verfolgte: die Dominanz über Europa. Das wird schon aus den Kriegszielen deutlich, die die deutsche Machtelite bereits 1914 hatte.


(__Wie die deutschen Beteiligten bei den Versailler Vertrags-Verhandlungen auf-getreten sind, sollte vielleicht auch einmal bemerkt werden? Es war nämlich ein Ver-halten, wie es für Leute typisch ist, die der Meinung sind, daß sie eigentlich den Krieg gar nicht hätten verlieren dürfen … da alle anderen, also die damaligen Kriegsgegner, sowieso Pfeifen wären, man selbst aber die Herren der Welt.__)


Diese Ziele waren im zweiten Teil dieses Krieges keine anderen: Schaffung eines ein-heitlichen Wirtschaftsraums unter „arischer“ Führung. Gewiß, es kam der Versuch hinzu, die europäischen Juden zu vernichten, immerhin sollen die ja keine „Arier“ sein, oder?

Und wenn man sich scheuklappenfrei das
Treiben von deutscher Seite seit dem
Ende des Kalten Krieges ansieht,

bzw. heute Revue passieren lassen kann,

dann erkennt man schon, wer ein _grundsätzliches_ Problem für friedliches Zusammenleben in Europa darstellt. Das soll das fragwürdige Streben anderer europäischer Machteliten nicht leugnen

(__die US-amerikanische ist,
mentalitätsmäßig,
auch eine europäische Machtelite:

“Über was reden wir?“__),

aber es ist schon die deutsche Machtelite in den Fokus zu nehmen, also als problemschaffendes Problem zu erkennen.

Daß das so ist, hängt aus meiner Sicht mit jener Mentalitätsprägung zusammen, die ich als „Preußisierung der Deutschen”, beginnend 1871, bezeichne und die (__im In- und Ausland__) längst als „original deutsche Mentalität“ gilt. Diese ursprüngliche, also mit der Nationalstaatsbildung einhergehende Mentalitätsprägung, kann man als „Wilhelminismus“ bezeichnen … und die sich seit dem Ende des Kalten Krieges mählich ausprägende Mentalität als ein Update davon: „Neowilhelminismus“.


Wie gesagt, meine Aussage bezieht sich nicht direkt auf Bibows Text,
deshalb sage ich,

da es ja nicht so ist,

daß der Versailler Vertrag in den letzten 100 Jahren
kein singuläres Thema gewesen wäre:

Eine Episode herauszugreifen

(__in diesem Fall den „Versailler Vertrag“__),

um ein nachfolgendes Ereignis

(__in diesem Fall den zweiten Teil
des ersten großen imperialistischen Krieges__)

verständlich zu machen,
kann ich nur als fragwürdig ansehen.

Es ist nämlich,

wegen einer gewissen Mentalität,

nicht anzunehmen,

daß es ohne den „Versailler Vertrag“ nicht zum zweiten Teil des ersten großen imperialistischen Krieges gekommen wäre.

Warum?

Nun, nicht einmal eine der Fragen,
die den ersten Teil dieses Krieges verursacht hatten,
war durch diesen ersten Teil gelöst worden,
sondern lediglich die dominante Macht in der Welt wechselte.



Oder glauben Sie tatsächlich, daß die Machteliten der damaligen Zeit wie „Schlafwandler“ agiert hätten? Wobei ich ja gar nicht leugne, daß sich aus einer gewissen „Logik“ eigene Dynamik entwickelt. Allerdings gab es damals auch eine andere „Logik“ mit anderer Dynamik, resultierend aus jener „Logik“, deren Dynamik diesen Krieg auslöste — um diese „andere ‘Logik’“ zu konterkarieren. (__*__)



Immerhin gilt, will ich aus geschichtlichen Abläufen etwas lernen, muß ich mir, so weit möglich, einen zusammenhängenden Eindruck vom ganzen Geschehen ver-schaffen, will ich davon ein möglichst stimmiges Bild zeichnen. „Episodisches Be-trachten“ ist dabei nicht hilfreich.

© Joachim Endemann (__EndemannVerlag__)


*_ Näheres dazu siehe in: Die tri_logische Sezierung des lobbykratischen Zeitalters, Band I: „Es werde m e h r Licht! Mehr Demokratie wagen in der Lobbykratie? Untersuchung über die Konsequenzen der bürgerlichen Real-Demokratie“, Teilband 3: „Die inter_staatlichen Auswirkungen“, Kapitel 15: „Menschenrechte, Völkerrecht und das Konstrukt des Nationalstaates“, dort die Seiten 375-84.

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die an der Basis dessen wirken, das jetzt offen zutage tritt.
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